Wir Egomonster
Die U-Bahn ist der neue Underground. Jedenfalls in den jüngsten Bühnenbildern des serbischen Szenografen Aleksandar Denic, der Frank Castorf schon für sein Jahrhunderte überspannendes «Faust»-Paris den Eingang der Metrostation «Stalingrad» nachgebaut hat. Diesmal geht es auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses unterhalb eines riesigen «Camel»-Billboards in die New Yorker Subway. Unten fährt jedoch kein Zug ab; hier wird den Besitzenden ordentlich eingeheizt.
In einer der merkwürdigsten Szenen dieser gleich drei Dramen von Eugene O’Neill umfassenden Inszenierung schippt Lilith Stangenbergs Mildred, die schneeweiße «rrrich bitch» vom Oberdeck, zwecks authentischer Einfühlung ins Proletariat in einem Dampfschiff-Kesselraum Kohle – und zwar splitternackt. Obwohl sie schon vorher nur einen glitzernden Tanga-Bikini trug, ist ihr anscheinend so warm geworden, dass sie sich lieber ganz auszieht.
Wir befinden uns kurz vor der Pause des fünfstündigen Abends nicht etwa in einem Experimental-Porno der 1970er Jahre, sondern im zweiten Drama aus der expressionistischen Phase des amerikanischen Tragödiendichters. «Der haarige Affe» (1922) spielt zu einem beträchtlichen Teil im Bauch eines ...
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Theater heute April 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Eva Behrendt
Der Mensch zählt ja offiziell zu den erdgeschichtlichen Katastrophen, seit 2016 das Anthropozän ausgerufen wurde. Wobei «Katastrophe» schon viel zu anthropozentrisch gedacht ist. Der Erde dürfte es wurscht sein, ob sie sich durch Meteoriteneinschläge, Eiszeiten oder eine Schicht aus Plastik, radioaktive Strahlung und Abgase so einschneidend verändert, dass es für...
Übertriebene Sentimentalität kann man der Großmutter, bei der die Zwillinge aus Agota Kristofs Roman «Das große Heft» die Kriegsjahre überdauern, wahrlich nicht vorwerfen. Die Alte – im Ort schlicht «die Hexe» genannt – pflegt grausame Lebenseinsichten grundsätzlich unter genüsslichem Hohngelächter zu äußern, je nach Anlass gern auch mit begleitendem...
Ich traf ihn – Wilfried Minks – in Berlin, wenige Tage vor der Premiere zu Hochhuths «Soldaten», er machte dort das Bühnenbild. Man hatte munkeln gehört, dass der Autor nicht gerade entzückt gewesen sei, als er bei den Proben zum ersten Mal Minks’ Bühne sah, er hatte sich, man kann das auf vielen Seiten Szenen-Beschreibung in der Buchausgabe nachlesen, alles viel...
