Von Nerven und Nervösen

Krankheitsbilder in Dresden und Leipzig: Armin Petras dramatisiert Kleists «Das Erdbeben in Chili», und Sebastian Hartmann legt in «Pension Schöller» die Kleinbürger-Nerven frei.

Theater heute - Logo

Eine Handvoll Orthopädie-Patienten schlurft auf die Bühne des Kleinen Hauses im Staatsschauspiel Dresden. Der zweckorientierten Sportkleidung nach zu urteilen, die die Truppe unter ihren Beinschienen, Kniemanschetten und Halskrausen trägt, ist sie auf dem Weg zur Krankengymnastik. Die erste Übung: kollektives Zittern im Kreis. Man schlägt sich wacker. Auch in der Aufbauphase, wenn sich das lässige Schlackern zu einer Art Erschütterungschoreografie mit Dringlichkeitscharakter steigert, hat der Coach keinen Grund zur Klage.

Wer eine schlüssige Erklärung für dieses körpertherapeutische Treiben sucht, findet sie im Programmheft: Das L-förmig um die Bühne grup­pierte Publikum wohnt einer Reha-Maßnahme für Erdbebenopfer bei, «die noch einmal erinnern, wiederholen und ausagieren, was ihnen widerfahren ist». Der Gesundheitsminister hätte seine helle Freude: Eine knapp hundertminütige Therapie-Einheit lang müssen in Natascha von Steigers
Styropor-Bühnenlandschaft Requisiten zersprungen, Kontaktimprovisationen angebahnt, Sasha-Waltz-Elegien recycelt, Kopfstände in die Deko geklemmt und schließlich ein an Adam und Eva gemahnendes Darstellerpaar, das sich als Heinrich von Kleist und Henriette ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2011
Rubrik: Aufführungen, Seite 34
von Christine Wahl

Weitere Beiträge
Milgram für Führungskräfte

Duzen Sie Ihren Chef? Herrscht bei Ihnen auch diese lockere Arbeitsatmosphäre mit offe­ner Tür, Relaxzone und dem Zwang, mit irgendwem Mittagessen zu gehen? Und ist Ihnen
das auch manchmal unheimlich? Ein Arbeitsverhältnis, das angeblich auf Vertrauen basiert, aber letzt­lich nichts daran ändert, dass man Sie irgendwann kündigt, Ihr Chef aber nur abgefunden werden...

Hochglanz-Fasching

Man muss die vier Schauspieler, vor allem Klaus Brömmelmeier als Lenglumé, dafür bewundern, wie präzis und atemlos flott das alles vonstatten geht, dieser unendliche Unsinn. Wie satt und sauber da jedes Wort sitzt, wie dicht da eins ins andere fällt, genauso wie das Wohnzimmer der Lenglumés zu Beginn, das nicht auf der Bühne (von Thilo Reuter) steht, sondern mit...

Aufführungen

Und es existiert doch, das Nachspiel. Das Deutsche Theater ist sich nicht zu fein, Nis-Momme Stockmanns in Frankfurt uraufgeführtes Vater-Sohn-Drama «Die Hässlichen und die Brutalen» David Bösch anzuvertrauen. Noch tiefer gräbt Stephan Kimmig am DT, der Judith Herzbergs Stücke «Leas Hochzeit» (1982), «Heftgarn» (1995) und «Simon» (2002) zu einer jüdischen...