Vergesst Herder!

Patricia Nickel-Dönicke will nicht eine Vielfalt, sondern einen ganzen Sack davon

Theater heute - Logo

LI-LA-Leitkultur. Was soll das überhaupt sein: leit-en = anführen; oder meinen wir weiter-leiten, also meine Vorstellung von Kultur an den «anderen» weiterleiten, oder die Kultur auf einer Leiter hoch oben postieren? Fangen wir doch mit dem ursprünglichen Gedanken von Bassam Tibi an: Anstand und Respekt. Abgrenzungsfragen ausgeschlossen.

Theater als Kulturinstitution muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und aktiv werden.

Ein aspiratives, also nach vorne gewandtes Leitbild verkörpern, das nichts Vergangenes verherrlicht, sondern dafür sorgt, dass beispielsweise Menschen mit Migrationshintergrund Anschluss an das sogenannte kollektive Narrativ, an die «deutsche» Identität bekommen. Wenn also schon Leitkultur, dann ist in den Grundrechten unserer Verfassung schon viel festgelegt, der Rest wie Kultur, Identität und «Leitgedöns» kommt danach. Auf zu Solidarität, Gleichheit, Anerkennung.

1976 lebten um die 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in diesem Land. Erst 2001 kam die Süßmuth-Kommission zu dem Schluss, dass wir ein Einwanderungsland sind. Diese Bezeichnung evoziert ein neues Narrativ, und da ist es schon schräg, dass es das sogenannte «postmi­grantische ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2018
Rubrik: Die Heimatfrage (2), Seite 88
von Patricia Nickel-Dönicke

Weitere Beiträge
Die neuen Kräfte, die wirksam werden

TH «Am Königsweg» ist, wenn wir richtig rechnen, Ihre erste Inszenierung eines Stücks von Elfriede Jelinek?

Falk Richter Nicht ganz. Ich habe vor zehn Jahren am Wiener Akademie­theater «Ernst ist das Leben» inszeniert, eine Überschreibung von «Bunbury». Aber das war natürlich kein typischer Jelinek-Text. Da gab es noch Figuren, Dialoge, entliehen von Oscar Wilde. ...

Ein Turm zu Babel!

Deutschland muss weniger deutsch werden. Das ist ein harter Satz. Vor allem, wenn er von einem Niederländer kommt. Ich meine das aber nicht arrogant. Ich meine das eher verführerisch.

Denn ich beobachte zwei Dinge. Heimat und Identität haben viel mit Sprache zu tun. Zum einen sind die Deutschen sehr tolerant, sie akzeptieren zum Beispiel, wenn ein Ausländer ein...

Musiktheorie und Verlässlichkeit

Heute habe ich ein Visum beantragt für meine Heimat. 22 Tage in Russland wollen begründet sein. «Eine Deutsche» macht Urlaub in ihrem Geburtsort. Nach 30 Jahren in Deutschland bekomme ich das nicht über die Lippen: eine Deutsche sein. Warum?

Mit acht Jahren kam ich aus Russland nach Deutschland. Was beginnt mit dem ersten Tag in einem fremden Land, und was ist es,...