Theater als Arbeit am Bösen

20 Jahre nach seinem Tod sind die Texte von Heiner Müller nach wie vor abgründige Fund- und Fallgruben des politischen Denkens. Nikolaus Müller-Schöll unterzieht den gründlich vergessenen «Horatier» einer aufschlussreichen Neulektüre über Recht, Gesetz und Terrorismus.

Theater heute - Logo

Was Heiner Müllers «Horatier» gerade heute zum Terrorismus zu sagen hat

Der namenlose Kämpfer stößt dem verwundeten Gegner, der am Boden liegt und «mit schwindender Stimme» um Schonung bittet, «sein Schwert in den Hals, daß das Blut auf die Erde» fällt, er wirft sich das blutige Schlachtkleid des Getöteten über die Schulter, steckt sich dessen Waffe in den Gürtel und behält das eigene blutige Schwert in Händen. So wird er vom Volk bejubelt.

Die Rede ist nicht von einem islamistischen Milizionär in Diensten des IS, der einen weiteren Gefangenen enthauptet hat.

Die Rede ist nicht von einer Szene aus dem Jemen, dem Sudan, der Ukraine oder einem der vielen anderen gegenwärtigen Schauplätze extremer Gewalt. Die Rede ist von einem von uns. Von dem «Horatier» in Heiner Müllers gleichnami­gem Stück, das paradigmatisch stehen könnte für ein Theater, das sich begreift als «Arbeit am Bösen»: Damit ist zunächst einmal gemeint, dass das Theater, entgegen seiner aufklärerischen Rechtfertigungen als «moralische Anstalt», Stätte der Erziehung, der Nationenbildung und Selbstverständigung einer Gesellschaft, in seiner abendländischen Form von seinen Anfängen bis zu den jüngsten Beispielen der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2016
Rubrik: Essay, Seite 44
von Nikolaus Müller-Schöll

Weitere Beiträge
Diese schreckliche Indifferenz

In Jean Baudrillards Denken, vor allem seinem späten, rechten Ideologien zuneigendem, gibt es eine starke Verkettung von Langeweile und Hass. Sein ständiger Abgesang auf die geistlose Leere der modernen Gesellschaft, auf die verderbliche westliche Werte-Suggestion durch Warenanreize und das mediale Ereignis-Voodoo, zeugte recht offen von seiner Sehnsucht nach dem...

Oberhausen: Der geöffnete Schlachthof

«Unmoralische Menschen werden blass unter der Peitsche der Satire», heißt eine Sentenz in einem antiken Text des römischen Dichters Per­sius. Auf einer Illustration des berühmten belgischen Symbolisten Fernand Khnopff räkelt sich dazu eine dunkelhaarige Nackte und entzieht sich dem lüsternen Zugriff zweier in das Bild ragender Hände. Auch der Regisseur Stef Lernous...

Nix ist fix

Als Klaus Michael Grüber, der große apokalyptische Querkopf, 1988 mit Labiches «Die Affäre Rue de Lourcine» in der lakonischen Übersetzung Elfriede Jelineks seine erste (und einzige) Komödie an der Berliner Schaubühne inszenierte, war die Begeisterung so groß wie die Überraschung. Labiches Einakter eines verkaterten Morgens, in dem sich zwei Bürger in den Abgründen...