Theater als Arbeit am Bösen
Was Heiner Müllers «Horatier» gerade heute zum Terrorismus zu sagen hat
Der namenlose Kämpfer stößt dem verwundeten Gegner, der am Boden liegt und «mit schwindender Stimme» um Schonung bittet, «sein Schwert in den Hals, daß das Blut auf die Erde» fällt, er wirft sich das blutige Schlachtkleid des Getöteten über die Schulter, steckt sich dessen Waffe in den Gürtel und behält das eigene blutige Schwert in Händen. So wird er vom Volk bejubelt.
Die Rede ist nicht von einem islamistischen Milizionär in Diensten des IS, der einen weiteren Gefangenen enthauptet hat.
Die Rede ist nicht von einer Szene aus dem Jemen, dem Sudan, der Ukraine oder einem der vielen anderen gegenwärtigen Schauplätze extremer Gewalt. Die Rede ist von einem von uns. Von dem «Horatier» in Heiner Müllers gleichnamigem Stück, das paradigmatisch stehen könnte für ein Theater, das sich begreift als «Arbeit am Bösen»: Damit ist zunächst einmal gemeint, dass das Theater, entgegen seiner aufklärerischen Rechtfertigungen als «moralische Anstalt», Stätte der Erziehung, der Nationenbildung und Selbstverständigung einer Gesellschaft, in seiner abendländischen Form von seinen Anfängen bis zu den jüngsten Beispielen der ...
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Theater heute März 2016
Rubrik: Essay, Seite 44
von Nikolaus Müller-Schöll
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Die Jugendstilbühne der Münchner Kammerspiele liegt in tiefem Nebel. Von goldgelbem Licht durchglühte Trockeneisschwaden dampfen aus der Nebelmaschine. Auch der Nieselregen vom Theaterhimmel sowie die federleichten Felsbrocken und Grasbüschel, die fünf hemdsärmelige Arbeiter in diesem hochwandigen Museumsmagazin bereits ausgiebig von vorne nach hinten geräumt...
