Texte und Bilder

Christoph Schlingensief hatte immer ein ambivalentes Verhältnis zum Theaterbetrieb: Er hat ihn gebraucht, um ihn – und sich – herauszufordern. Stationen seiner Arbeit

1993 «100 Jahre CDU», Volksbühne Berlin

«100 Jahre CDU» hat schon einiges, woran man Schlingensiefs Theater wiedererkennen kann. Ein Grundeinfall ist bereits die Show. Die Szenerie ist eingerahmt von schwarzen Hängern mit Licht­punkten, auf der Bühne steht eine große Showtreppe, die sich drehen kann, vorne links ein Stehpult mit Mikrofon, vorne rechts eine Talk-Show-Sitzecke. Jeder Mitspieler ist irgendwie auch Kandidat in einem Deutschlandquiz der anderen Art, am Ende werden mehrere Kandidatenpaare in spacige Kugeln gesteckt, die aussehen wie Mischmaschinen.

Wie durch die vielen bunten Lichter das Entertainment hält durch die Mikrofonständer das Dozierende Einzug in diese Welt. Bereits auch im Einsatz: die Videowand halbrechts, auf der Filme gezeigt werden, die Schlingensief entweder gedreht hat statt zu proben, oder die er aus der Film- und Fernsehgeschichte klaut; und Musik aus den Lautsprechern als weiteres, quasi autonomes Element, das sich über die Sprache legt, je nach Bedarf unterstützend wie Filmmusik oder zerschlagend wie ein Störsender.

Aber es ist noch nicht Schlingensiefs Theater. Das alles hat noch keine Souveränität, gehört sich noch nicht selbst, sondern arbeitet ...

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Theater heute Oktober 2010
Rubrik: Schlingensief 1960–2010, Seite 8
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80 Prozent Eigendynamik

Franz WilleMatthias Lilienthal, Sie sind der Entdecker oder vielmehr und noch besser der Anstifter von Christoph Schlingensief auf dem Theater. Wie war das 1993 an der Berliner Volksbühne?

Matthias LilienthalDirk Nawrocki, der Mitarbeiter von Frank Castorf, war der ersteAnstifter. Di­miter Gotscheff hatte uns kurzfristig abgesagt, und da lasen wir einen Bericht im...