Texte und Bilder

Christoph Schlingensief hatte immer ein ambivalentes Verhältnis zum Theaterbetrieb: Er hat ihn gebraucht, um ihn – und sich – herauszufordern. Stationen seiner Arbeit

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1993 «100 Jahre CDU», Volksbühne Berlin

«100 Jahre CDU» hat schon einiges, woran man Schlingensiefs Theater wiedererkennen kann. Ein Grundeinfall ist bereits die Show. Die Szenerie ist eingerahmt von schwarzen Hängern mit Licht­punkten, auf der Bühne steht eine große Showtreppe, die sich drehen kann, vorne links ein Stehpult mit Mikrofon, vorne rechts eine Talk-Show-Sitzecke. Jeder Mitspieler ist irgendwie auch Kandidat in einem Deutschlandquiz der anderen Art, am Ende werden mehrere Kandidatenpaare in spacige Kugeln gesteckt, die aussehen wie Mischmaschinen.

Wie durch die vielen bunten Lichter das Entertainment hält durch die Mikrofonständer das Dozierende Einzug in diese Welt. Bereits auch im Einsatz: die Videowand halbrechts, auf der Filme gezeigt werden, die Schlingensief entweder gedreht hat statt zu proben, oder die er aus der Film- und Fernsehgeschichte klaut; und Musik aus den Lautsprechern als weiteres, quasi autonomes Element, das sich über die Sprache legt, je nach Bedarf unterstützend wie Filmmusik oder zerschlagend wie ein Störsender.

Aber es ist noch nicht Schlingensiefs Theater. Das alles hat noch keine Souveränität, gehört sich noch nicht selbst, sondern arbeitet ...

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Theater heute Oktober 2010
Rubrik: Schlingensief 1960–2010, Seite 8
von

Vergriffen
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Untröstlichkeit. Das wird es am Ende gewesen sein. Wenn das verlorene Häuflein Marthalerseelen den Papstpalast von Avignon wieder verlässt, wie es ihn betreten hat: verschupft, sagt man in der Schweiz schön treffend, von allen guten Geistern verlassen, ein wenig armselig, verloren in Raum und Zeit. Da ziehen sie sich zurück in den klapprigen Lieferwagen, mit dem...

Theater in TV und Hörfunk

Fernsehen

 

Freitag, 1.

13.00, Theaterkanal: Kazuo Ohno – Ich tanze ins Licht – ein Film (2004) von Peter Sempel 
 

15.00, 3sat: Der Zimmerspringbrunnen – Spielfilm (2001) nach dem Roman von Jens Sparschuh, mit Götz Schubert, Gustav Peter Wöhler, Hermann Lause u.a., Regie Peter Timm


16.20, Theaterkanal: Die Möwe ­– von Tschechow, mit Lola Müthel, Hermann Lause,...

Die Unfähigkeit zu lügen

Es ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre.» Das sagt man so, wenn man sehr traurig ist. Aber auf Christoph Schlingensief bezogen ist dieser Satz, den Elfriede Jelinek unmittelbar nach seinem Tod äußerte, mehr als vage Trauerprosa, die man hinschreibt, um seine Betroffenheit zu zeigen. Vielleicht verkörperte er tatsächlich das Leben. Umfassender als die meisten...