Stuttgart: Noch zu retten?
Die beste Szene wird man als Foto nirgends sehen: Das Ensemble steht splitternackt vorm Publikum und fordert es zu Atemübungen auf. Es geht um dieses «Wir lieben uns alle»-Atmen: «Wir sind Europa und niemand sonst. Wir stehen zusammen, nichts kann uns zerstören.» Ironie entlarvt Esoterik als Flucht in die kollektive Verantwortungslosigkeit: «Du hast es dir verdient: die Sterne am Himmel, die Blumen auf den Wiesen, die Vögel in den Bäumen und die kleinen Bienen ohne Stiche.
» Will sagen: Nichts hast du dir verdient, du wohlständiges Deutschland, du phlegmatisches Bürgertum, du Theaterhocker. Deine und Europas Geschichte erwächst aus Morden, Ausbeutung, Unterdrückung.
Mit «Imaginary Europe» hat das Schauspiel Stuttgart im Kammertheater jetzt ein hehres zweijähriges Projekt gestartet. Es ist die erste von sechs Produktionen des Europa Ensembles, das im letzten Sommer gemeinsam mit dem Warschauer Nowy Teatr und dem kroatischen Zagrebacko kazalište mladih gegründet wurde. Man will im Namen Europas ein Theater machen, «das Utopien schafft inmitten der Realpolitik». Man will dem Brexit trotzen, den neuen Mauern, den Rechtspopulisten, um zurückzufinden zum Geist europäischer ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2019
Rubrik: Chronik, Seite 53
von Verena Großkreutz
Von wegen geschundene Kreatur und expressiver Leidensmann. Steven Scharf ist als Woyzeck nicht nur ein Baum von einem Mann, er hat auch so gar nichts Unterwürfiges. In den ersten 20 Minuten zerlegt er mit beeindruckender körperlicher Präsenz erst einmal in aller Ruhe die Bühne. Er reißt das rot-weiß-gestreifte Zelt herunter, das aus dem Wiener Akademietheater eine...
Wenn es um die ganz großen Menschheitsfragen geht, ist ein gewisses Pathos durchaus angebracht, findet jedenfalls die ewig jugendfrische Tanja. «Ich möchte, dass unser Leben ein lichter Traum von der Zukunft ist, von einem nie endenden Glück», agitiert sie großäugig ihren Kompagnon Wassja und kann gar nicht verstehen, dass der dem Fortgang der Geschichte etwas...
Figuren:
Der Architekt
Der Kellner
Er
Die Mitte der Gesellschaft (Drei Damen mit Haltung)
Eine Frau, die eigentlich nicht hier sein sollte
und
Der ganze Rest
Der ganze Rest kann live oder auch nur im Video-Format auftreten. Eine Frau, die eigentlich nicht hier sein sollte wäre in letzterem Fall nur Off-Stimme im Video. Die physische Anwesenheit der betreffenden...
