Stilwille gegen Inhaltismus

Ein Besuch bei der Ruhrtriennale mit gentrifizierungskritischen Installationen, Inszenierungen von Christoph Marthaler, Mariano Pensotti und Kornel Mundruczo – und einem betulichen Politikbegriff

Theater heute - Logo

Das Beste an der Ruhrtriennale sind die tollen Orte, an die man gelotst wird. Nach all den Jahren gilt das nicht mehr so sehr für die gewaltigen deindustrialisierten Kathedralen einstiger Metallgewinnung und -verarbeitung – man kennt das inzwischen –, sondern eher für die putzigen und rührenden, bizarren bis einschmeichelnden vermeintlichen Problemzonen, an denen urbanistisch-soziologische, groß- und kleinstadtromantische und natürlich gentrifizierungskritische Installationen an den Start gebracht werden.

Jedesmal ist mein erster Reflex: Was!? Das soll das angeblich völlig heruntergekommene, von Arbeitslosigkeit gebeutelte Duisburg-Rheinhausen sein? Wo nur noch irgendein Szymanski mit dem Messer zwischen den Zähnen für Ordnung sorgen kann? Und dies der Drogenkiez der Dortmunder Nordstadt? Stattdessen Niedlichkeitsalarm: süße Arbeiterhäuschen, eine Änderungsschneiderei mit großzügigem Rosenschmuck, die Frau beim morgendlichen Bier vor der Eckkneipe mit den längsten blonden geflochtenen Extensions diesseits von fünfzehn Jahre alten R&B-Videos und der liebe verwirrte Rentner mit der coolen Pilotenbrille und der Sweatshirt-Aufschrift «Cheerleader». 

Diesen Blick des leicht in Routinen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2018
Rubrik: Festivals, Seite 6
von Diedrich Diederichsen

Weitere Beiträge
Mannheim: Alltag im All

Ist schon eine Weile her, dass ein gewisser Major Tom die Ground Control anfunkte und sich dar­an gewöhnen musste, dass irgendwas schief läuft. Das war 1969. Dreizehn Jahre nach David Bowie ließ Peter Schilling denselben Major im All schweben und sorgte dafür, dass der lost Tom «völlig losgelöst» war. Die neue deutsche Welle hielt sich mit Text nicht wirklich lange...

Visionen und feste Größen

Könnte es sein, dass zu #MeToo so langsam alles Wesentliche gesagt ist? Nur noch nicht von allen? Das Maxim Gorki Theater geht die Frage zum Saisonbeginn systematisch an. Im Vorprogramm zur neuen Yael-Ronen-Produktion «Yes but No» läuft im kleinen Studio eine Stückeigenentwicklung von Suna Gürler und Lucien Haug zum Thema Adam, die männliche Hauptfigur, unter einem...

Dresden: Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Die Chefetage des deutschen Fernsehens hat ein kleines Problem. Irgendwie möchte man ja seinem volkspädagogisch menschelnden Auftrag nachkommen und – wir schreiben die frühen 1990er Jahre – die private Entspannungspolitik zwischen den frisch wiedervereinigten Brüdern und Schwestern vorantreiben. Und es gibt sogar schon eine Idee: Die mysteriöse Existenzweise der...