Staub und Geschichte

Julian Hetzel «Mount Average» im Schauspiel Leipzig

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Gott schuf den Menschen aus einem Erdenkloß, berichtet die Bibel, und auch der Mensch hat danach nicht aufgehört, Ebenbilder zu schaffen, um sich seiner Geschichte zu versichern, meist in Form von Statuen oder Denkmälern. Der theatrale Parcours «Mount Average» von Julian Hetzel versteht diese Vorgänge als Zyklus von Schaffen und Vergehen und entwirft eine ebenso präzise wie verstörende Gedenk-Recyling-Maschine, die sich dem Zuschauer Schritt für Schritt offenbart. 

Alles beginnt bei einer Art Golem (Pitcho Womba Konga).

Lehmverschmiert begrüßt er die Besucher und fragt die kleinen Fragen des Lebens ab: Sinn, Zukunft und dergleichen mehr. Dabei wischen seine Finger über eine Tischplatte, auf der er aus einer Tonmasse immer wieder Anschauungsmaterial modelliert und wieder zerstört, bis es zur nächsten Station geht. Hier dürfen die Besucher selbst aktiv werden und aus einem Tonstück ein Traumbild formen, das sie aber nicht sehen, sondern nur durch zwei Löcher ertasten können, durch die Arme gesteckt werden. Über die Kopfhörer säuselt eine Stimme beruhigende, meditative Anweisungen. Betreutes Töpfern für den Weltfrieden. 

Im nächsten Raum wartet dann eine Büste, die von unten mit ...

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Theater heute 10 2022
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Torben Ibs

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