Sklaven der Familie
Es sirrt, es zirpt, und zwar ziemlich aggressiv. Zikaden, untrüglich. Das ikonische Insekt aus dem familiendramatischen Tennessee-Williams-Country. Geben nie Ruhe im Geflecht, bleiben aber unterschwellig. Handeln im Verborgenen, kriechen einem ins Gehirn. Und entpuppen sich als eher hartleibige Zeitgenossen.
Damit wäre schon viel gesagt über das Biotop – Typus: runtergerocktes Plantagenherrenhaus –, in welches Frank, genannt Franz, Lafayette und seine Verlobte River, genannt Baby, des Nachts ihre Rucksäcke werfen.
Klettern durchs Fenster wie die Vagabunden, vermutlich eine von Franks romantisch-kathartischen Ideen, und schrecken Rhys aus dem Schlaf, der vor dem Klammergriff seiner Mutter aufs Sofa geflüchtet ist.
Diese, genannt Toni, erscheint mit Taschenlampe auf der Treppe und sticht mit dem scharfen Strahl ihrer Missgunst umstandslos den Ankömmlingen ins Gesicht. Sie handhabt das eigentlich immer so. Merke: Das Gespensteraufkommen ist beträchtlich in diesem Haus. Da hat der US-Dramatiker Branden Jacobs-Jenkins vor nunmehr rund zehn Jahren in «Appropriate» ganze Arbeit geleistet.
Wenn jemand Personal und Handlungsmotive aus der Post-Sklavenhaltergesellschaft in den ...
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Theater heute Juli 2023
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Stephan Reuter
Wir sind die Krankheit», röchelt die sterbende Priesterin gleich in der ersten Szene, nachdem sie vor Ödipus endgültig zusammengebrochen ist – und hat damit schon fast das ganze Stück verraten. Nur dass man/frau es zu diesem frühen Zeitpunkt natürlich noch nicht verstanden hat.
Sophokles’ «Ödipus» hat zu Pandemiezeiten ungewöhnliche Spielplan-Konjunktur erlebt....
DRESDEN, ALBERTINUM/ STÄDTISCHE GALERIE bis 13.8.,
«Ich halte doch nicht die Luft an.» Cornelia Schleime – frühe Werke / Cornelia Schleime «ich lass mich nicht spannen – lass mich nicht flechten»
Parallel stattfindende Ausstellungen zeigen Schleimes zwischen 1982 und 1984 produzierte experimentelle Super-8-Filme und ihre fotografisch festgehaltenen...
Weit weg vom dramatischen Theater führt das Werk des polnischen Künstlers Tadeusz Kantor», schreibt Hans-Thies Lehmann in seinem 1999 publizierten paradigmatischen Lang-Essay «Postdramatisches Theater». «Sein Werk umkreist in obsessiver Weise die eigenen Kindheitserinnerungen und weist schon deswegen eine Zeitstruktur der Erinnerung, Wiederholung und Konfrontation...
