Sintflut des Datensammelns
Stalin soll derart panische Angst vor einem Attentat gehabt haben, dass seine Leibwächter wiederum panische Angst hatten, ohne ausdrücklichen Befehl das Schlafzimmer des «Stählernen» zu betreten. Als er eines Morgens infolge eines Schlaganfalls zusammenbrach, lag er wohl stundenlang vor seinem Bett, bis endlich jemand wagte, die Tür zu öffnen. Da war es allerdings zu spät und der Diktator das prominenteste Opfer seiner Schreckensherrschaft. An diese Erzählung kann man in diesen Tagen denken, wenn es um die Ukraine und den aktuellen russischen Gewaltherrscher geht.
Man denkt aber auch daran, wenn in Pat To Yans Libretto «The Damned and The Saved» plötzlich Sätze fallen wie: «Hört / Mein König / ... / Ich dachte, Euch würde es ewig geben / Aber jetzt habt ihr keine Macht mehr, wie ich geglaubt habe.»
Der das sagt, ist ein Datensammler und der engste Mitarbeiter eines diktatorischen Königs, der in diesem Fall kein Mensch ist, sondern eine monströse Maschine. Der Data Collector füttert die Maschine mit allem, was im Herrschaftsbereich des stählernen Fürsten vorkommt, und es kann nicht ausbleiben, dass man den metaphorisch aufgeladenen und allegorisch unterfütterte Text des Hongkonger ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute 10 2022
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Jürgen Berger
Mit Castorf und Einar Schleef waren im Sommer 1989 die beiden stärksten Vertreter des oppositionellen Theaters aus der DDR im Westen. Komplettierte sich das DDR-Exil? In dem Nebeneinander in Frankfurt und München sah man die Unterschiede. Schleef baute noch harte, thematisch klare Stücke, brauchte deutliche Konturen, klare Szenenfolgen, seine innovative Kraft...
Der Krieg, von dem auf der Bühne erzählt werden soll, ist der, der schon vor dem 24. Februar 2022 im Osten der Ukraine herrschte. Drei von fünf relativ jungen Menschen haben in ihm gekämpft: Katya Kotliarova und Slavik Gavianets als Sol -datin und Soldat an der Front, der Schauspieler Roman Kryvdyk als Sanitäter. Oxana Cherkashyna, ebenfalls Profi-Schauspielerin,...
Tausend Äxte, die an Seilen vom Bühnenhimmel herabbaumeln, ein monströs großes Kruzifix, ein endlos langer Putin-Tisch, auf dem ein Spielzeugpanzer seine Runde dreht: Es sind eindrucksvolle Bilder, die Oliver Frljic gemeinsam mit Igor Pauška (Bühne) und Maja Mirkovic (Kostüme) für seine Adaption des Dostojewski-Romans «Schuld und Sühne» ausbaldowert hat. Die Frage...
