Sintflut des Datensammelns
Stalin soll derart panische Angst vor einem Attentat gehabt haben, dass seine Leibwächter wiederum panische Angst hatten, ohne ausdrücklichen Befehl das Schlafzimmer des «Stählernen» zu betreten. Als er eines Morgens infolge eines Schlaganfalls zusammenbrach, lag er wohl stundenlang vor seinem Bett, bis endlich jemand wagte, die Tür zu öffnen. Da war es allerdings zu spät und der Diktator das prominenteste Opfer seiner Schreckensherrschaft. An diese Erzählung kann man in diesen Tagen denken, wenn es um die Ukraine und den aktuellen russischen Gewaltherrscher geht.
Man denkt aber auch daran, wenn in Pat To Yans Libretto «The Damned and The Saved» plötzlich Sätze fallen wie: «Hört / Mein König / ... / Ich dachte, Euch würde es ewig geben / Aber jetzt habt ihr keine Macht mehr, wie ich geglaubt habe.»
Der das sagt, ist ein Datensammler und der engste Mitarbeiter eines diktatorischen Königs, der in diesem Fall kein Mensch ist, sondern eine monströse Maschine. Der Data Collector füttert die Maschine mit allem, was im Herrschaftsbereich des stählernen Fürsten vorkommt, und es kann nicht ausbleiben, dass man den metaphorisch aufgeladenen und allegorisch unterfütterte Text des Hongkonger ...
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Theater heute 10 2022
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Jürgen Berger
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