Sex und Kontrolle
Was reizt so durchgängig an Ibsens «Nora», diesem ein wenig muffig-kleinstädtischem Emanzipationsdrama einer von ihrem Mann abhängigen Frau aus dem 19. Jahrhundert? In
Kay Voges’ radikal aktualisierter Dortmunder «Nora»-Inszenierung sind bürgerliche Liebeskonzepte unbrauchbar geworden. Es gilt das Gesetz des Warentauschs: Die Frau gibt dem Mann Gefühle und Sex, er gibt ihr dafür Geld und Prestige. Neurosen, Selbsttäuschung, Hysterie und Narzissmus bestimmen den lieblosen Ehealltag des neureichen Paares, die ihr einziges Kind an das Au-pair-Mädchen abschieben.
Durch eine kühle Bungalow-Glasfront blickt man in ein spießiges Wohnzimmer mit Kamin, brauner Sitzecke und kerkerhaft grauen Klinkersteinwänden, davor befindet sich ein schmaler Swimming-Pool, in dem jeder im Laufe des Abends mal nackt, mal angezogen landet (Bühne und Kostüme Pia Maria Mackert). Bei zugezogenen Gardinen zeigen Videoprojektionen in Castorfmanier, was im Inneren des Bungalows gerade passiert. Das hätte als ästhetisch-mediale Zutat allemal gereicht, doch auch Tanznummern, Stroboskoplicht, Slapstick- und Songeinlagen übermalen permanent und überdeutlich die Begegnungen und Stimmungen.
Caroline Hankes (Eleo)Nora ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute November 2011
Rubrik: CHRONIK, Seite 50
von Natalie Bloch
Schon in der ersten Einstellung ahnt man, wohin der Hase läuft. Triumphierend tippt Jodie Foster alias Penelope Longstreet in den Rechner, dass der zehnjährige Ethan Cowen ihrem Sohn Zacharias auf einem Spielplatz in Brooklyn mit einem Stock zwei Schneidezähne ausgeschlagen hat. (Dass Zacharias und seine Bande Ethan zuvor grob zurückgewiesen haben, notiert sie...
Neulich hat ein Wiener Philosoph wieder eine Kulturrevolution ausgemacht. Seit Mitte der Neunziger beobachtet Robert Pfaller einen öffentlichen «Beleuchtungswechsel». Dabei geht es um die ziemlich zentrale Frage, «wofür es sich zu leben lohnt», und vor allem um bedeutende Verschiebungen, was die allgemein akzeptierten Antworten betrifft: «Objekte und Praktiken wie...
Das muss sie schon selbst entscheiden, die Freie Szene. Anders als die Stadttheater ist sie in den letzten Jahren Teil eines internationalen Netzwerks und eines elaborierten
Kunstdiskurses geworden. Das bringt neue Vergleichsmöglichkeiten, Kriterien, Finanzierungsstrukturen, Herausforderungen mit sich. Eigene lokale Süppchen zu kochen,
das ist selten noch eine...
