Sehnsucht und Vertreibung

Die Münchner Kammerspiele entdecken mit «Sauhund» von Lion Christ die wilden Achtziger Jahre; das Residenztheater lässt Franz Xaver Kroetz die «Gschichtn vom Brandner Kaspar» neu erzählen und Asiimwe Deborah Kawe «Das Gelobte Land» (der Stückabdruck) entzaubern

Theater heute - Logo

Er ist so etwas wie der Schutzheilige bajuwarischer Widerständigkeit, ein «ohdrahter Hund», was so viel wie ausgekochtes Schlitzohr bedeutet oder freundlicher: ein freigeistiger Grantler. Hat doch der Brandner Kaspar den Tod – im Bayerischen der Boan(d)lkramer – erst mit einer Flasche Kirschgeist zum Trinken verführt, um ihm darauf beim Kartenspiel ein paar zusätzliche Lebensjahre abzuluchsen.

Als die sich dann krankheits- und einsamkeitsbedingt doch etwas ziehen, lässt er auf einen Probeblick ins Paradies einladen und will dann prompt nicht mehr zurück, weil Familie und Freunde schon dort sind, die himmlischen Wälder voller Wild und ihn hienieden sonst eh nichts mehr hält.

Erfunden hat die Figur Franz von Kobell, ein Münchner Professor der Mineralogie, passionierter Jäger und Pionier der Fotografie, in seiner Mundart-Erzählung «Die G’schicht vom Brandner Kasper» aus dem Kriegsjahr 1871, als die ärmliche Bergregion um den Tegernsee begann, sich allmählich als ländliches Idyll für preußische Sommerfrischler neu zu erfinden. Zum unsterblich renitenten Theaterhelden wurde er später durch Kobells Ururgroßneffen, den Autor und Regisseur Kurt Wilhelm. Der schuf 1975 eine mit bäuerlichem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August-September 2025
Rubrik: Aufführungen, Seite 22
von Silvia Stammen

Weitere Beiträge
Alleinstellungsmerkmal Wagnisfreude

Fucking Volkstheater.» Das Erinnerungsbuch zur fünfjährigen Direktionszeit von Kay Voges könnte keinen passenderen Titel tragen. Und dann ist das «Fucking» auch noch in dieser altdeutschen Schrift der satirischen Videos und Plakate, mit denen das Volkstheater im Zuge von Wahlkämpfen Haltung gegen Rechts zu zeigen versuchte. Dabei Geschmacksgrenzen bewusst...

Das Herz ist ein Muskel

Unsere Hoffnung gründet sich auf das Sportpublikum», bekennt Bertolt Brecht 1926 in seiner Schrift «Über den Untergang des alten Theaters». «Unser Auge schielt, verbergen wir es nicht, nach diesen ungeheuren Zementtöpfen, gefüllt mit 15.000 Menschen aller Klassen und Gesichtsschnitte, dem klügsten und fairsten Publikum der Welt.»

Vielleicht hatten die Kurator:innen...

Bedrohliche Verbundenheit

Was für ein Plot! Er beginnt mit einem Traum. Ein Traum, der in der Realität erzählt wird: Aline sieht im Schlaf ihren einstigen Peiniger. Sieht ihn neben sich liegen, «als wäre er mein Mitbewohner». Aline lebt heute irgendwo in Europa. Geflüchtet ist sie aus Syrien, wo sie in einem Gefängnis vom syrischen Geheimdienst gefoltert wurde. Ihren Traum erzählt sie einem...