Schussfahrt in den Missbrauchs-Abgrund
Vollendeten Lektürespaß, gibt der Kölner Intendant Stefan Bachmann in einem Gespräch mit «Deutschlandfunk Kultur» zu Protokoll, hatte er bei «Schnee Weiß (Die Erfindung der alten Leier)» nicht. «Das Lesen von Jelinek-Stücken hat fast was von Folter», gestand er im Vorfeld seiner Ur-Inszenierung der jüngsten Literaturnobelpreisträgerinnen-Textfläche sympathisch freimütig. «Im stillen Kämmerlein», so Bachmann weiter, führten «diese unendlichen Assoziationsketten» bei ihm zu «großer Frustration und veritablen Wutanfällen.
» Im Probenraum, «zusammen mit Schauspielern», werde das «sofort sehr viel lustvoller und sinnlicher».
Sinnlich, im Sinne von bodenständig (und also konsequent), beginnt auch Bachmanns Inszenierung im Kölner Depot 2. Es ist eine treffsichere Ballermann-Stimmung, in die man hier geworfen wird; nur eben – von wegen «Schnee Weiß» – auf österreichisch-winterlich: Halsbrecherisch und in stilechter Skikleidung, die zu vorgerückter Stunde auch mal unansehnlichen Nackt-Fatsuits weicht, werfen sich die Schauspielerinnen und Schauspieler Simon Kirsch, Lola Klamroth, Peter Knaack, Nikolay Sidorenko und Sabine Waibel eingangs von einem Kunst-Schneehang herunter. Jana ...
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Theater heute Februar 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Christine Wahl
Für die Geschichte der Demokratie in Deutschland ist der 9. November der wohl ambivalenteste Jahrestag: 1918 markiert er das Ende der Novemberrevolution mit der Ausrufung der ersten demokratischen Republik, 1938 den Umschlag der Diskriminierung jüdischen Lebens im Dritten Reich in seine offene Verfolgung und Vernichtung, 1989 den Fall der Berliner Mauer und damit...
Es ist dunkel. Und kalt. Und muffig. Die Zuschauer werden durch einen Keller gescheucht und sollen sich in das Dasein von Tagelöhnern im Kiel des Jahres 1918 einfühlen, eingezogen zu niedrigsten Arbeiten auf einem Kriegsschiff, Kohlen schippen und so, fürs Vaterland. «Es geht gegen England!», brüllt einer, und das Publikum: «Hurra! Hurra! Hurra!» Aber die...
Eine «Kriegsmaschine gegen die Institution Theater», das ist für Florence Dupont die «Poetik» des Aristoteles. Der Philosoph, ein Fremder in Athen, der nie bei den Dionysien dabei war, sauge mit ihr der «lebendige(n) Kunst» und «volkstümliche(n) Praxis» das Blut aus. Denn Theater werde darin auf die «Darstellung einer Geschichte» reduziert, auf die Funktion der...
