Düstere Ekstasen

Thalia Theater Hamburg: Johan Simons inszeniert Theodor Storms «Der Schimmelreiter» als pietistische Mentalitätstragödie, Jan Bosse mogelt sich durch Dostojewskis «Der Spieler»

Nach drei Stunden endlich sprengt der Schmerz den Panzer. Hauke Haien, der nordfriesische Deichgraf, hat Recht behalten, aber es nützt ihm herzlich wenig. Sein neuer Deich würde halten, hätten ihn nicht seine Gegner durchbrochen. Die Sturmflut reißt Haukes Frau Elke und das gemeinsame Kind vor seinen Augen in den Tod.

Johan Simons, der Theodor Storms berühmteste Erzählung «Der Schimmelreiter» in einer eigenwilligen Fassung auf die Bühne des Thalia Theaters bringt, inszeniert diesen letzten Moment als Befreiung: Während sich Hauke bei Storm mit seinem Pferd selbst in die Fluten stürzt, tritt Jens Harzer vor an die Rampe, legt ein Kleidungsstück nach dem anderen ab, bis er zu Jimi Hendrix’ aufjaulendem Gitarrenrock nackt vor Gott oder dem Publikum steht. Hinter ihm hat sich die schräge Deichwand unüberwindlich in die Senkrechte geschoben. Knieschlottern, Zähneklappern, Erschütterung bis ins Mark.

Mit dieser düsteren Ektase endet Simons’ rigide und beklemmende Lesart der norddeutschen Heimatnovelle. Zuvor schraubt Susanne Meisters Bühnenfassung die Handlung noch langsamer und gründlicher voran als das Origi­nal, und setzt dabei immer wieder mit derselben rituellen ...

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Theater heute Januar 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 20
von Eva Behrendt