Repräsentationskritik: Fische, Früchte und freie Liebe

«Shit Island. Ein postkolonialer Südsee-Traum» von Futur3 in Köln verweigert die koloniale Abbildung

Theater heute - Logo

Nauru, einst Teil des Deutschen Reiches, ist eine verlorene Insel in der Südsee: 10.000 Einwohner, 1200 Meilen ist die nächste Siedlung entfernt, 30 Minuten dauert eine Inselumrundung, ein einziges Flugzeug fliegt Nauru an. Durch einen aberwitzigen geografischen Zufall lagerte sich hier vor vier Millionen Jahren Vogelkot zum kostbaren Düngemittel Phosphor ab – ein «Shit Island» im wahrsten Sinne des Wortes. Das führte zu kurzem Segen und endlosem Fluch der vermeintlichen Paradiesbewohner.

Die kleine Insel wurde zum kolonialen Spielball von Deutschland, Frankreich und Australien, vom kurzzeitig reichsten Land der Welt zur verwüsteten und verarmten Mondlandschaft von heute.

Ausgegraben und sorgfältig nachrecherchiert hat die kurios-tragische Geschichte das freie Theaterkollektiv Futur3 und bringt sie im Kölner Orangerie-Theater auf die Bühne, als Parabel des entfesselten Kapitalismus. Abbildungen realer Inselbewohner und Landschaften werden dabei konsequent vermieden, denn der Abend ist auch eine Untersuchung darüber, wie seit Jahrhunderten falsche, ferngesteuerte Bilder über das Fremde entworfen werden.

Zunächst setzt sich der Zuschauer also zu einer Art Live-Hörspiel im Halbdunkel ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2018
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Dorothea Marcus

Weitere Beiträge
Düsseldorf: Anpassung an Yuppieland

Die Frage, ob Shylock gut oder böse ist, ist erledigt. Shakespeares «Kaufmann von Venedig» kann im deutschen Theater nur ein Stück über Antisemitismus sein, kein antisemitisches Stück. Also kann Shylock heute nur beides sein: gut und böse. So will es auch Roger Vontobels Düsseldorfer Inszenierung. Mehrdeutig will sie sein, eine «Gesellschaftsüberprüfung», so...

Im Grusel-Loop

Von Zögling Törless über Hanni und Nanni bis zu Harry Potter – literarisch bis popkulturell reich aufgeladen ist die Institution Internat seit jeher mit Jugendabenteuern und Missbrauchs-Vorstellungen. Internate sind Kaderschmieden und Netzwerkstätten verhaltensgestörter Rich Kids, noble Edelsportstätten, paramilitärische Abrichtungsanstalten – aber vor allem gelten...

Vorschau - Impressum (4 2018)

Pläne der Redaktion


Elfriede Jelineks «Am Königsweg»
verbindet mit einer Doppel-Nomi­nierung die jähr­lichen Best-of-Treffenin Berlin und Mülheim: die Erwählten im Überblick, Porträts, Gespräche und Gegenstimmen

Comedy-Queen Idil Baydar erklärt in Falk Richters Hamburger «Königsweg»-Inszenierung als selbsternannte «Problem-Ausländerin» und «Konzept-Migrantin»...