München leuchtet
In der vierten Spielzeit von Intendant Matthias Lilienthal haben sie es tatsächlich geschafft: Die Münchner Kammerspiele sind das Theater des Jahres! Nach zunächst intensivem Fremdeln der Lokalpresse und auch des Stammpublikums, nach dem Weggang beliebter Ensemblekräfte und drohender Überforderung des Hauses durch die Doppelfunktion als Stadttheater und Produktionshaus, schließlich nach Lilienthals Verzicht auf eine Vertragsverlängerung aufgrund einer Kampagne der Münchner CSU gegen seine Intendanz attestieren nun 11 Kritiker*innen dem Haus mit seinem diversen Ensembl
e und internationalen Regisseur*innen die Spitzenstellung im deutschsprachigen Raum.
Und nicht nur das! 14 Unbestechliche haben Christopher Rüpings dortiges Antikenprojekt «Dionysos Stadt» über Aufstieg und Fall einer Zivilisation zur Inszenierung des Jahres gewählt; auch seine Dramaturg*innen Valerie Göring und Matthias Pees finden 3 Mal Erwähnung. Nils Kahnwald, in verschiedenen Rollen beteiligt, ist mit 7 Nennungen Schauspieler des Jahres, gefolgt vom Zweiplatzierten Jürgen Holtz als Aufklärungswissenschaftler Galileo Galilei in Frank Castorfs gleichnamiger Brecht-Inszenierung am Berliner Ensemble (5 Stimmen).
Überhaupt bleibt die Antike im zeitgenössischen Theater äußerst lebendig. Etwa in Johan Simons Inszenierung von Kleists «Penthesilea», in der Protagonistin Sandra Hüller 6 Kritiker*innen überzeugte und damit Schauspielerin des Jahres ist. Auf Platz zwei findet sich mit 5 Voten Linda Pöppel für ihre Performance als Hure Maria in Sebastian Hartmanns Inszenierung «In Stanniolpapier» nach Björn SC Deigner am Deutschen Theater Berlin.
Die Nachwuchsschauspieler*innen des Jahres heißen Gro Swantje Kohlhof für u.a. ihre Kassandra in «Dionysos Stadt» (7 Voten), und mit je 3 Nennungen Benjamin Radjaipour für u.a. Prometheus in «Dionysos Stadt» und Laurenz Laufenberg als Édouard in Édouard Louis’ «Im Herzen der Gewalt» (Schaubühne Berlin).
Das zwischen Screen und Guckkasten changierende Bühnenbild des Jahres hat Lena Newton für Susanne Kennedys «Drei Schwestern» an den Münchner Kammerspielen entworfen (4 Mal genannt). So viele Stimmen versammelt auch Regisseur und Bühnenkünster Ersan Mondtag mit allerdings drei verschiedenen Theaterräumen für «Salome» (Maxim Gorki Theater Berlin), «Die Räuber» und «Wonderland Av.» (beide Schauspiel Köln). Die Kostüme des Jahres hat Vanessa Rust (6 Stimmen) als disneybarocke Märchen-Roben für PeterLichts «Tartuffe oder Das Schwein der Weisen» am Theater Basel designt.
PeterLichts Molière-Überschreibung über Tüffi, Orgi und die «Penisgeneigtheit des Kapitalismus» sowie Ferdinand Schmalz’ tiefernste Satire «der tempelherr» über einen unaufhaltsamen Eigenheim-Baumeister teilen sich mit je 4 Stimmen zudem den zweiten Platz hinter Elfriede Jelineks MeToo-Nationaldrama des österreichischen Skisports: «Schnee Weiß» heißt mit 5 Nennungen das Stück des Jahres!
In der Kategorie Nachwuchs ragt außerdem die Produktion «Drei Milliarden Schwestern» der Jugendtheatertruppe P14 von der Berliner Volksbühne heraus. Autor und Regisseur Bonn Park wird insgesamt 5 Mal genannt (3 Stimmen für Regie, 2 Stimmen als Autor) und ist damit Nachwuchsregisseur des Jahres, die Bühnenbildnerinnen Laura Kirs und Leonie Falke 3 Mal. Nachwuchsautorin des Jahres wird mit 5 Stimmen erneut Enis Maci für ihren Text «Autos».
Herzlichen Glückwunsch! – Bleiben die Top-Ärgernisse des Jahres, etwa die revidierte Intendantenberufung der städtischen Kulturpolitik ans dauersanierte Schauspiel Köln samt grundlegender Kritik an intransparenten Berufungsverfahren oder die Einführung der Frauenquote in die Qualitätsauswahl des Berliner Theatertreffens. Nicht zu vergessen die miesen Honorare für freie Kritiker*innen, durch die das Nachdenken über Theater auf Dauer ärmer und eindimensionaler zu werden droht.
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