Milch und Blut und Samen
Endlich ist sie vorbei, die Zeit, in der Frauen «schön schöpfend und in der Erschöpfung schön» sein müssen. Martina Clavadetscher, die für ihren Roman «Die Erfindung des Ungehorsams» mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet wurde, entwirft in ihrem zweiteiligen Auftragswerk für das Schauspiel Bern «Bestien, wir Bestien» eine Welt in der Zukunft, in der Frauen zuerst vom gesellschaftlichen Reproduktionszwang befreit sind und letztlich die gesamte Menschheit unfruchtbar wird.
Auch hier findet man sich, wie in den meisten Werken der Schweizer Autorin, in einer Science-Fiction-Welt wieder, einer Welt, die gleichsam utopisch wie dystopisch anmutet. Clavadetscher nimmt die philosophische Strömung des Antinatalismus auf und stellt die Frage: Ist es heute, angesichts zahlreicher Kriege und Naturkatastrophen, moralisch vertretbar, Kinder zu zeugen? Ist die Befreiung vom gesellschaftlichen Reproduktionszwang nicht der letzte Akt weiblicher Emanzipation? Oder ist diese Freiheit nur eine vermeintliche, da sich der Wunsch nach Fortpflanzung nicht rational wegargumentieren lässt?
Im ersten Teil des Stückes ist die Natur geheilt, alle Rohstoffe und Ressourcen sind gerecht verteilt, für alles ...
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Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Neue Stücke, Seite 147
von Julia Fahle
Viel hatte die Freie Szene sich vorgenommen nach dem ersten Schock der Pandemie. Ansätze für strukturelle Veränderungen hatte es schon vorher gegeben. Die Missstände waren seit Langem bekannt und die Konzepte, um sie zu bearbeiten, lagen schon in den Schubladen. Nun sollten sie endlich auch umgesetzt werden. Ein Wendepunkt?
Darauf haben wir auch bei den Impulsen...
Wer hätte vor wenigen Jahrzehnten gedacht, dass die westlichen Demokratien sich bald von innen auszuhöhlen beginnen? Dass rechte Bewegungen einen bedenklichen Zuwachs bekommen? Dass Gestalten nach oben geschwemmt werden, die auf Wahlergebnisse und zivile Umgangsformen pfeifen? Dabei wurde nach dem Fall der Mauer bereits das Ende der Geschichte ausgerufen – was...
Es ist Anfang der 2000er, ich bin Anfang 20 und habe einen der begehrten Ausbildungsplätze bekommen. Ich studiere Schauspiel. Ich bin überglücklich. Mir fällt eine Tabelle in die Hände, aus der ersichtlich ist, dass ich trotz eines Studiums weit weniger verdienen werde als andere Leute am Theater, auf und hinter der Bühne. Erstmal egal. Ich brenne für meinen Beruf.
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