Mensch bleiben!

13 Jahre war er im Ensemble des Schauspiels Köln. Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs als Protagonist des Prekariats, mit zwei Produktionen beim Berliner Theatertreffen, zieht er um: ans Hamburger Schauspielhaus. Eine Zugfahrt mit Markus John

Theater heute - Logo

Kasimir ist ein Bulle. Ein Bulle auf zwei Beinen, die nie genau wissen, wohin sie sich bewegen sollen. Kein Wunder: Kasimir ist gerade der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Er wurde entlassen, und dass Ödön von Horváth ihn mit seiner Verlobten Karoline aufs Oktoberfest schickt, ist keine Trostaktion. Karoline strebt nach dem besseren Leben, und Kasimir kann nur noch nach unten gucken, wenn oben der Zeppelin seine Runden zieht.

 
 

In Köln spricht der von Johan Simons ohne spürbare Anstrengung ins Krisenheute transportierte Kasimir mit zartem rheinischen Zungenschlag, er ist ein mächtiger Mensch mit strähnigem Haar und giftgelbem Anzug, der aus Widersprüchen zusammengesetzt scheint. Man muss ein wenig Angst haben vor diesem Unglückstier, und man hat ein bisschen Angst um ihn. Wenn er zuschlüge, bliebe nicht viel stehen, aber lange schlägt er nur sinnlos ein auf das Gestänge der Achterbahn, über der so gehässig «Enjoy» flimmert. Eine nervöse Ungeschlachtheit lässt ihn im Sitzen die Beine rastlos sortieren, als müsste es irgendwo die einzig richtige Haltung geben, nur wo? Wenn er die Ärmel hochkrempelt, muss man um Schürzinger (Jan-Peter Kampwirth), der ihm Karoline (Angelika ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2010
Rubrik: Best of... Theatertreffen, Seite 6
von Barbara Burckhardt

Vergriffen
Weitere Beiträge
Bombenstücke

Die deutsche Dramatik hat die Bombe. Sie wird am Flughafen deponiert, sprengt den Stuttgarter Hauptbahnhof in die Luft, ebnet ganze Städte ein, verwüstet Länder, und wenn sie zu weit entfernt von Europa explodiert, dann grüßt ihr Feuerschein wenigstens im Fernseh-Bild, ihr fetter Sound untermalt professionelle Betroffenheit. In zahlreichen neuen Stücken, die in den...

Von den Füßen auf den Kopf

Kaum einer bürstet derzeit das gute alte wellmade play so ausdauernd und radikal gegen den Strich wie der britische Dramatiker Dennis Kelly. Von vorne nach hinten erzählen – gut und schön, aber warum nicht mal von hinten nach vorn wie in «Liebe und Geld»? Dokumentarische Techniken einbauen durch Interviews und Recherche – sicher, ein Klassiker der modernen...

Deutsches Nationalgericht

 

So wollte man die teutschen Recken immer schon mal sehen: Filzige Gestalten mit langen ungewaschenen Haaren, die tumb in feuchten Wäldern oder untermöblierten Burgen hausen und sich in der Erfrischungspause hinterrücks den Speer ins Kreuz bohren. Held Siegfried (Peter Moltzen) streckt den Bierbauch vor und fällt durch üble Angeberei und eine penetrante Lache auf....