Mehr aufgeschlitzte Bäuche!
Weit weg vom dramatischen Theater führt das Werk des polnischen Künstlers Tadeusz Kantor», schreibt Hans-Thies Lehmann in seinem 1999 publizierten paradigmatischen Lang-Essay «Postdramatisches Theater». «Sein Werk umkreist in obsessiver Weise die eigenen Kindheitserinnerungen und weist schon deswegen eine Zeitstruktur der Erinnerung, Wiederholung und Konfrontation mit Verlust und Tod auf.» Lehmann begreift Kantors Theater als «Zeremonie», die befreit ist von «naivem Vormachen», als «quasi rituelle Form der Vergangenheitsbeschwörung».
Gut 300 Seiten nach den Überlegungen zu Kantor analysiert der Theaterwissenschaftler auch den postdramatischen Einsatz von Technik und Medien beim New Yorker Kollektiv Wooster Group. Beide gelten längst als Ikonen des «Postdramatischen Theaters», auch wenn sich ihr Einfluss als Avantgarden zeitlich und ästhetisch sehr unterschiedlich verortet. – Mit der Inszenierung «A PINK CHAIR (In Place of a Fake Antique)» unternimmt die Wooster Group den ambitionierten Versuch, die Theatergeschichte in die Gegenwart zu holen.
Auch beim Festival Internationale Neue Dramatik (FIND) an der Schaubühne hat das «Postdramatische Theater» mittlerweile die titelgebende ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juli 2023
Rubrik: Festivals, Seite 36
von Anja Quickert
Es rauscht, es faucht, es grollt und poltert, und zwar von vorne rechts im Eck. Hierhin hat Prospero, einst weggeputschter Herzog von Mailand, heute einsamer Inselherr, seine Gegenspieler auf der Stuttgarter Schauspielhausbühne dirigiert. Hier stehen sie nun, ein Sturmtruppchor in Prosperos Bann, und beschwören a cappella ihren eigenen Schiffbruch im tiefen,...
Als politischer Mensch trifft mich diese Wahl schwer. Ich denke, wenn nicht jetzt schon die Zeiten für die Opposition düster waren, dann wird sie definitiv in den kommenden Jahren noch finsterer. Ein Exodus steht dem Land bevor. Die inhaftierten oppositionellen Stimmen werden in den Gefängnissen bleiben, ohne einen Prozess. Die ethnischen Minderheiten, Kurden,...
In den Bühnenschwänken ist die Welt noch in Ordnung – und gleichzeitig völlig aus den Fugen. Sie «handeln vom Konflikt zwischen den Normen bürgerlichen Wohlverhaltens und der heimlichen Neigung, gegen sie zu verstoßen», heißt es im Programmheft zu «Der Raub der Sabinerinnen» am Wiener Akademietheater. Konkret bedeutet das aber leider oft: Anarchie, ja –...
