Mannheim: Minimalistische Dystopie
Da sitzt er auf seinem Fluggerät, einen Holzstuhl als Pilotensitz, mit einem umgedrehten Hocker als Lenkrad und einen Ritterhelm aus Plastik auf den Kopf. Mit seinem Raumschiff, der «Integral», möchte er zu den Sternen aufbrechen, um die Bewohner ferner Planeten zu zivilisieren – und sie von einem System zu überzeugen, an dem er selbst gerade zweifelt.
Denn der «Einzige Staat», den Jewgenij Samjatin in seinem Roman «Wir» entwirft, hat die Mängel der Menschheit mithilfe von mathematischer Gleichschaltung ausgemerzt: Anstelle von Namen tragen alle Menschen eine Nummer, sie leben in transparenten Behausungen und folgen, auf die Sekunde genau, dem selben Tagesplan – inklusive des nachmittäglichen Spaziergangs zur Erholung, der sich eher wie ein Massenaufmarsch à la Riefenstahl ausnimmt. D-503 ist Mathematiker, glühend glaubt er an die Überwindung der lästigen Individualität durch knallharte Logik und führt das Publikum enthusiastisch strahlend in die Gesetze des «Einzigen Staates» ein. Bis ihm, wie könnte es anders sein, eine Frau den Kopf verdreht und er plötzlich eine Missbildung entwickelt: eine Seele nämlich.
Im Studio Werkhaus des Nationaltheaters Mannheim hat Roscha A. Säidow ...
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Theater heute Juli 2019
Rubrik: Chronik, Seite 64
von Esther Boldt
Henning Bochert Frau Stolowitz, Ihr Stück befindet sich bei New Dramatists (New York City) und dem Artists Repertory Theater (Portland, OR) in der Entwicklung und wurde Anfang Mai in szenischer Lesung bei New Dramatists vorgestellt. Was hat Sie auf die Idee zu «Recent Unsettling Events» gebracht?
Andrea Stolowitz Ich unterrichte an mehreren Universitäten. Mir war...
Wie Premierminister Viktor Orbán in einer Rede im vergangenen Sommer stolz betonte, ist das Theater eine der populärsten Kunstformen in Ungarn. Nach jüngsten Statistiken wurden in dem Land mit zehn Millionen Einwohnern fast acht Millionen Tickets verkauft; im Jahr 2010 waren es nur 4,4 Millionen. Es ist allgemeiner Konsens, dass die Einführung einer neuen Steuer...
Der Diversity-Diskurs hat das Wiener Burgtheater erreicht: Eine der sieben lebensgroßen, täuschend echt aussehenden Lipizzanerskulpturen, die Katrin Brack auf die Greenscreen-Bühne des Akademietheaters gestellt hat, ist braun. Vielleicht ist das Tier noch nicht ganz «ausgeschimmelt» (die meisten Lipizzaner werden erst mit rund sechs Jahren richtig weiß), vielleicht...
