Lübeck/Stuttgart: Sex, Drogen, Untote

Sivan Ben Yishai «Die tonight, live forever» (U)

Theater heute - Logo

Von allen Schreckgestalten ist der Vampir die explizit queerste: sexuell aktiv, effeminiert, hochsensibel, schillernd zwischen Gefahr und Lust. Der Immobilienmakler (Niko Eleftheriadis) in Sivan Ben Yishais «Die tonight, live forever. Oder: Das Prinzip Nosferatu» ist entsprechend die Schrumpf­version des Vampirs. Er hockt in einem Businesshotel, vertickt Luxusimmobilien an reiche Provinzler, fürchtet das Perspektivgespräch mit seiner Chefin und sehnt sich nach dem schwulen Nachtleben der Großstadt; den Kontakt zur dunklen Seite nimmt er über eine Dating-App auf.

Die Makler-Geschichte ist die erzählerisch ergiebigste von drei ineinander geschobenen Geschichten in «Die tonight, live forever». Immerhin vollzieht sich hier eine halbwegs nachvollziehbare Handlung, die über das Motiv des an der Grenze zur Dunkelheit wandelnden Maklers auch noch einen Bezug zu Bram Stokers «Dracula» aufweist: Der Protagonist geht entgegen jeder Vernunft auf ein Sexangebot ein, landet in den Katakomben von Paris, nimmt Drogen, hat unge­schützten, blutigen Sex und entdeckt irgendwann, dass sein Spiegelbild verschwunden ist. Sex, Drogen, Untote – angesichts dieser inhaltlichen Wucht kommen die beiden anderen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2019
Rubrik: Chronik, Seite 51
von Falk Schreiber

Weitere Beiträge
Frankfurt: Sehnsucht nach Monstern

Im Wasserbassin stampfen, treten, stöhnen und schreien vier Schauspielerinnen und vier Schauspieler. Die Männer treiben die Frauen an: «Come on!», schreien sie, «weiter!» Mit Kraft, Zorn und Lebenswillen feuern sie die Kranken an, feuern sie an in ihrem Kampf gegen den Krebs. In der dunklen Weite des Bockenheimer Depots sind nur die Leiber der Spieler*innen...

DVD: Konvention und Anarchie

Pinkfarbene Wolken, stahlblauer Himmel, Modellhausfassaden, die betont kulis­sen­haft ins Bild ragen, Interieurs wie aus einem Bühnenbild von Susanne Kennedy: Realismus regiert definitiv nicht in Lola Randls Komödie «Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer». Eine Mischung aus Truman-Show und Jacques-Tati-Reminiszenz bildet den blitzeblank-bonbonbunten...

Bochum: Skandal verbal

Den Anfang macht eine Zirkusnummer: Eine Frau im märchenhaften Kinderkleid wird nur an den Haaren hängend aus der Versenkung in den Bühnenhimmel gezogen, dabei dreht sie sich wie tanzend um sich selbst. Wir sind, so scheint es, in einer Art Kinderbelustigung für Erwachsene. Sechs Gestalten, einheitlich grell geschminkt, kichern und lassen die Zungen kreisen....