Lieber tot als Theater
Dass man seine eigene Beerdigung nicht miterleben muss, scheint angesichts Thomas Melles «Nicht nichts» ein großer Glücksfall. Der Trauergemeinschaft, die sich in Maria Viktoria Linkes Inszenierung am bühnenfüllenden Grab der Dramatikerin Carolyn Gratzky zusammengefunden hat, begegnet man lieber tot. Statt Trauer verbindet sie nichts als das Schwarz ihrer extravaganten Kostüme und eine Extraportion Narzissmus unter den blonden Barockperücken.
Wie aus einem Fashionmagazin für Untote entsprungen, kämpft Sohn Phillip im Aufzug einer pummeligen Gothic-Ballerina mit Selbstmordgedanken, während Kritikerin Johanna in Frack und dunklen Kniebundhosen an krankhafter Frühdemenz verzweifelt. Gratzkys Tochter scheitert am Produzieren glaubwürdiger Tränen, Johannas tuntiger Ehemann am erfolgreichen Connecten mit anwesenden Vertretern der Hochkultur. Garstig und voller Genugtuung findet Susanne Bredehöft in der Rolle der namenlosen «Grauhäutigen Theaterautorin» ihren letzten Frieden am Grab der Konkurrentin: Mit Carolyn Gratzky ist für sie auch endlich das Theater gestorben. Überhaupt ist Theater hier gleichzusetzen mit problemsüchtiger Selbstbeweihräucherung auf hochkulturellem Niveau, dessen ...
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Theater heute August-September 2014
Rubrik: Chronik: Tübingen, LTT, Seite 68
von Judith Engel
Erste Szene.
Ungebetene Gäste
Ein großes Zimmer, vom Boden bis zur Decke und von der Wand bis zum Fenster vollgestopft mit allem möglichen Krempel. Hinten links ist der Flur mit einem großen Kleiderschrank und der Wohnungstür zu sehen. Rechts ein Fenster mit zugezogenen Vorhängen, weiter hinten die Tür zum Nachbarzimmer. Bücherregale, aufeinandergestellte...
Der erste Akt spielt vor einem mondänen Glitzervorhang. Der erste Eindruck aber täuscht: Hier wird keine Revueshow, sondern Ibsen gespielt. Wenn sich der Vorhang öffnet, wird dahinter ein recht unglamouröser Raum sichtbar. Auf die nackte, von Neonröhren beleuchtete Bühne hat Alexander Müller-Elmau nur ein paar Versatzstücke – einen Gartentisch, einen Eiskasten –...
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