Lauter Loser
Das sind Sätze! «Ist das die Sehnsucht? Still! Jetzt zieht ein Choral durch meine Seele – wenn ich die Wörter nur verstehen würde, diese Silben aus einem anderen Reich, so könnten wir singen.» In solch romantisch klingende Bilder kleidet die abgehalfterte Baronin Ada Freifrau von Stetten in Ödön von Horváths «Zur schönen Aussicht» jenen Augenblick, da ihr die Felle wegzuschwimmen drohen. Diese reiche Strippenzieherin. Diese zur Sentimentalität neigende Alkoholikerin. Diese im übergriffig eingeforderten Sex Vereinsamende.
Das Zitat ist ein treffliches Beispiel für Horváths demaskierenden «Jargon der Uneigentlichkeit», den er seinen Figuren in den Mund legte: eine Sprache, die geklaut ist, aus der Zeit gefallen, mit der sich perfekt aneinander vorbeireden lässt, weil sie eigentlich nichts meint. Hohler Bildungsjargon, der die innere Leere überdecken soll, der eine echte Emotionen vermittelnde eigene Sprache ersetzt. Sentimentalität, Masochismus, Sadismus, Minderwertigkeitsgefühle entlarven sich in diesem Jargon – eine gefährliche Mischung, die Horváth als psychologische Voraussetzung für den Nährboden des Nationalsozialismus ausmachte.
Präziser Ton
Damit solche Sätze sitzen, braucht ...
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Theater heute August-September 2025
Rubrik: Aufführungen, Seite 32
von Verena Großkreutz
Fucking Volkstheater.» Das Erinnerungsbuch zur fünfjährigen Direktionszeit von Kay Voges könnte keinen passenderen Titel tragen. Und dann ist das «Fucking» auch noch in dieser altdeutschen Schrift der satirischen Videos und Plakate, mit denen das Volkstheater im Zuge von Wahlkämpfen Haltung gegen Rechts zu zeigen versuchte. Dabei Geschmacksgrenzen bewusst...
Friedrich Schiller, so lässt sich vermuten, dürfte in unserer Epoche einer regelrechten Schreibwut verfallen. Wo angesichts wiedererstarkender Despotien Repressionen zur neuen globalen Normalität gehören, wird sein Ruf nach Freiheit selbst mehr als zwei Jahrhunderte nach seinem Tod 1805 nicht leiser. Studieren konnte man seine uneingeschränkte Aktualität just bei...
Unsere Hoffnung gründet sich auf das Sportpublikum», bekennt Bertolt Brecht 1926 in seiner Schrift «Über den Untergang des alten Theaters». «Unser Auge schielt, verbergen wir es nicht, nach diesen ungeheuren Zementtöpfen, gefüllt mit 15.000 Menschen aller Klassen und Gesichtsschnitte, dem klügsten und fairsten Publikum der Welt.»
Vielleicht hatten die Kurator:innen...
