Kunstblut in Strömen

Andreas Kriegenburg zelebriert Shakespeares «Macbeth» am Residenztheater als farbintensives Untergangspanorama, Christopher Rüping radikalisiert «Hamlet» in der Kammer 2 zum (auto-)aggressiven Weltrettungsfanatiker

Gut drei Dutzend Eimer Kunstblut versickern jeden Abend im Gitterrostboden, dazu vier Akteure in wechselnden Figurenkonstellationen, eine Konfetti-Kanone und immerhin mehr als die Hälfte vom Originaltext «Hamlet» – so macht sich Christopher Rüping, der junge Hausregisseur der Münchner Kammerspiele, über Shakespeares Prinzen her und entdeckt dabei im notorischen Zauderer einen manisch-radikalen Regisseur des Untergangs. Im Residenztheater dagegen lassen Andreas Kriegenburg und sein Bühnenbildner Harald B.

Thor die Bühne abheben wie ein taumelndes Ufo, von dem sich die Spieler vor blutrotem Hintergrund als Schattenrisse kopfüber in einen gefederten Abgrund stürzen – «Life’s but a walking shadow …» sagt Macbeth, sein Ende bereits vor Augen. Das böse Märchen erzählt Kriegenburg in Bildern von erlesener Gewalt, wobei die Blutkonserven hier etwas gezielter zum Einsatz kommen.
Ist das nun Performance oder schon wieder Schauspiel oder doch umgekehrt? Und sagt diese ebenso vehement wie inhaltlich unscharf geführte Debatte der vergangenen Monate tatsächlich etwas über die aktuelle Situation der deutschsprachigen Theaterinstitutionen? Zufällig zeitgleich standen in München zwei blutige ...

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Theater heute März 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von Silvia Stammen

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