Komfortzone? Welche Komfortzone?

Szenen aus einem zerrissenen Land: Die Ukraine war Gastland beim Heidelberger Stückemarkt

 Ein junges Paar mit einem drei Monate alten Kind in einer auf Kredit gekauften Wohnung. Nur unregelmäßige Einkünfte. Vor der Tür der Geldeintreiber. Draußen im Baum ein so herz- wie nervenzerreißend miauendes Kätzchen. Eine Mutter, die den vielleicht rettenden Verkauf der Datsche torpediert. Stau auf dem Weg zum letztmöglichen Zahlungstermin bei der Bank. Illegaler Organverkauf als letzter Versuch, zu Geld zu kommen.

Und da stellt sich heraus, dass hinter diesem schmutzigen Geschäft der einzige verbliebene Freund des Paares steckt, was auch erklärt, warum er bislang immer mal mit Geld aushelfen konnte.

Schlimmer geht’s immer – nach diesem Prinzip rollt das Stück «Lora» von Oksana Sawtschenko ab, das im Internationalen Autorenwettbewerb des diesjährigen Gastlandes Ukraine beim Heidelberger Stückemarkt gelesen wurde. Und dann erklärte die Autorin im Nachgespräch, das alles sei nur «Ukraine light». Geschrieben habe sie das Stück 2012, mittlerweile stünden ganz andere Probleme im Fokus. «Die Menschen leben in einem Dauerstress. Man sagt, dass man seine Komfortzone verlassen soll, aber wir haben nie in einer solchen Zone gelebt.»

Im Käfig

In der Tat war das Programm des Gastlandes, das in Heidelberg zusätzlich zu den 17 Gastspielen, zwei Eigenproduktionen und sechs Lesungen deutschsprachiger Dramatik geboten wurde, weitgehend komfortzonenfrei, sieht man mal ab vom mitreißenden Konzert der «Dakh Daughters», einem musikalisch-theatralen Punk-Kabarett von Darstellerinnen des Dakh Theaters aus Kiew. Dieses vor über 20 Jahren gegründete älteste unabhängige Theater der Ukraine zeigte zudem sein seit Jahren tourendes Stück «Haus der Hunde», eine düstere Rauminstallation mit einem Stahlkäfig, in dem zwölf Menschen dahinvegetieren: Die Decke ist zu niedrig, um aufrecht zu stehen, das Dasein besteht aus ritualisierten Abläufen notdürftiger Ernährung und willkürlicher Gewalt.

Ein Teil des Publikums sitzt in der ersten Hälfte auf dem Käfig und schaut von oben auf das Treiben herab – Regisseur Vladislav Troitskyi beschrieb dies im Nachgespräch als Götterperspektive. Diese «Komfortzone» müssen diese Zuschauer im zweiten Teil gegen eine Bank im Käfig eintauschen, während nun die Schauspieler oben stehen und nicht mehr ein­ander mit viehisch gebrüllten Befehlen traktieren, sondern Chorgesänge zwischen Sakralmusik und Minimal Music anstimmen, deren Texte (ebenfalls eine Nachgespräch-Info) die Chorpassagen aus «Ödipus» sind.

Inwiefern diese Aufführung «schonungslos auf die Ukraine vor und nach den Ereignissen auf dem Maidan» blickt, wie es im Festivalprogramm hieß, erschloss sich nur bedingt, wobei dies laut Troitskyi auch gar nicht beabsichtigt war: Vielmehr gehe es universal um die Frage, ob man sich aus seinem Käfig – sei er nun physisch oder mental – befreien könne. Bezeichnend hierzu: Einer der Akteure ist innerhalb des Käfigs nochmal separat eingesperrt und wird von den anderen besonders drangsaliert. Doch seine Einzelzelle ist nach oben offen, so dass er als einziger das ganze Konstrukt verlassen könnte. Nur tut er es nicht.

Katharsis in der Ost-Ukraine

So unkonkret dräuend diese Performance wirkt, so direkt bringt das dokumentarisch arbeitende Theatre of Displaced People aus Kiew aktuelle Probleme zur Sprache. Im Monolog «Die Ware» schildert Alik Sardarian seine Erfahrungen als Soldat und Sanitäter in einer eingekesselten Stadt im Krieg in der Ost-Ukraine und zeigt originale Aufnahmen von der Versorgung eines Verwundeten, die manchen Zuschauer an die Grenzen der Aufnahmefähigkeit bringen dürften. Die Bilder zielen aber nicht etwa auf Schock, sondern auf Katharsis. Denn der Verwundete, erzählt Sardarian, war ein Separatist. Er gehörte zur Gegenseite, wurde trotzdem versorgt und hat, entgegen aller Prognosen angesichts seines Zustandes, überlebt. Lange danach ist Sardarian zufällig dem Mann begegnet, der auf den Separatisten geschossen hat – und danach als Erste Hilfe jene Verbände angelegt hat, mit denen der Verwundete bei der Krankenstation getaumelt ist. «Er hat es nie gesagt, aber ich habe in seinen Augen gesehen, wie er sich gefreut hat, dass der Mann überlebt hat», endet Sardarian.

Die Aufführung lässt ahnen, was Pavlo Arie meint, wenn er sagt, die in der Ukraine gerade erst entdeckte Form des Dokumentartheaters könne ein Weg sein, nationale Traumata zu heilen. Der Dramatiker ist seit 2016 Intendant des Nationalen Akademischen Dramatischen Theaters in Lwiew und hat den Stückemarkt als Gastland-Scout beraten. Im Podiumsgespräch zum ukrainischen Theater betont er, er halte das dokumentarische Theater für die derzeit wichtigste Form. Er bezog dies auf die Ukraine, auffällig war allerdings, dass es auch im umfangreichen deutschsprachigen Hauptprogramm des Stücke­markts weit mehr dokumentarische Stücke gab als sonst, von Milo Raus «Empire» über «Die schwarze Flotte» (Theater Dortmund) und «Point of no return» (Kammerspiele München) bis zu «Lesbos – Black Box Europa» (Deutsches Theater Berlin).

Der Krieg vor dem Krieg

Von Pavlo Arie selbst stammt das Stück «Ruhm den Helden», das Relevanz und bewährte Theaterform zu verbinden versucht und das als Gastspiel des Golden Gate Theaters in Kiew gezeigt wurde. Es handelt von zwei ukrainischen Weltkriegs-Veteranen, die sich nach Herzinfarkten ein Krankenzimmer teilen müssen, dabei aber nie die Ruhe finden, nach der ihr Zustand eigentlich verlangt. Denn sie haben auf gegnerischen Seiten gekämpft: Ostap war bei den Partisanen der Ukrainischen Befreiungs­armee, Andriy bei der Sowjetarmee. Nun brechen 70 Jahre nach Kriegsende die alten Konflikte wieder auf und beeinflussen auch das Verhalten ihrer Kinder und Enkel, deren Gegenwart ohnehin geprägt ist vom aktuellen Krieg aufgrund der Krim-Annexion.

Diesen Aspekt betont die Inszenierung von Stas Zhyrkow durch die Besetzung der beiden Alten mit den jungen, brillant ausdrucksstarken Schauspielern Oleksii Hnatkovski und Dmytro Rybalevskyi, in deren Darstellung sich die beiden «grumpy old men» (das Stück reitet gezielt und gewitzt auf diesem Komödienklischee herum) immer wieder in die jungen Männer verwandeln, als die sie einst an verschiedenen Fronten für das gleiche Land gekämpft haben. Furios zieht die Aufführung alle Register der osteuropäischen Tradition des körperbetonten Spiels und steht so in krassem Kontrast zum äußerst lakonischen Erzähltonfall des Theatre of Displaced People. Doch sie steckt auch selbst voller Kontraste: Setzt die erste Hälfte noch auf rasanten Slapstick, so stürzen sich die Hauptdarsteller nach der Pause furchtlos und ohne Fehltritt in ein Pathos, das angesichts der Story durchaus stimmig wirkt.

Aber Arie hat offenbar nicht nur als Dramatiker ein Gespür für bühnentaugliche Stoffe, sondern auch als Intendant. Jedenfalls fragte er Olga Mazjupa während des Nachgesprächs zur Lesung ihres im Wettbewerb nominierten Stücks «Öko-Ballade», ob er es an seinem Theater aufführen dürfe – eine Art Heiratsantrag vor Publikum. Und dieses Stück erhielt dann auch den mit 5.000 Euro dotierten Internationalen Autorenpreis des Landes Baden-Württemberg. In der vom Dramatiker David Gieselmann verlesenen Laudatio der Jury wurde gelobt, das Stück erzähle «von Korruption, vom Krieg und von der Liebe in einem Setting, in dem die ukrainische Vergangenheit mit ihren Mythen, ihrer Religiosität und ihrem Aberglauben noch lebendig ist, aber schon schmerzlich auf die Phänomene unserer westlichen kapitalistischen Gegenwart stößt».

Das Gewinnerstück spielt in einem abgeschiedenen Dorf in den ukrainischen Karpaten. Der ferne Krieg ist hier präsent durch eine Abwesenheit: Mykola, der seit einem Unfall mit einem illegalen Holztransporter gelähmt ist, vermisst seinen besten Freund Stepan, der an die Front gegangen ist, und träumt von Stepans Schwester Alina, die er vergeblich zu heiraten hofft. Alina wiederum hält sich über Wasser, indem sie für einen korrupten Umweltbeamten arbeitet, der für Mykolas Unfall verantwortlich ist und vergeblich versucht, sich von dieser Schuld freizukaufen. Dass auch in «Ruhm den Helden» Andriy die Schuldgefühle seiner Nachkriegszeit als Denunziant durch die Zahlung von Ostaps Operation tilgen will, war eine von etlichen bemerkenswerten Parallelen im Detail bei den vorgestellten Stücken, die erahnen lassen, dass es bei allen Kontrasten auch übergreifende Ansichten und Diagnosen gibt.

Fallhöhen aus der Komödie

Ein Trauma der Vergangenheit steht auch im Zentrum des Gewinnerstücks um den Hauptpreis des Stückemarktes, den mit 10.000 Euro dotierten Autorenpreis: Unter den sechs gelesenen Stücken entschied sich die fünfköpfige Jury für «Kluge Gefühle» von Maryam Zaree (eine Skizze des Stücks hat Zaree bereits für Yael Ronens «Denial» am Berliner Gorki Theater geschrieben und gespielt). Die in Teheran geborene und in Frankfurt aufgewachsene Preisträgerin war bislang vor allem als Schauspielerin (etwa im Kinofilm «Shahada») bekannt. Ihr Stück beginnt mit einem telefonischen Dialog-Ping-Pong zwischen einer Anwältin für Asylrecht und ihrer Mutter, der sich in der Komfortzone einer Großstadt-Single-Komödie mit Relevanzunterfütterung bewegt.

Doch der Text wechselt unaufdringlich die Tonart – und die Tochter erfährt, dass ihre Mutter als schwangere Frau in einem iranischen Gefängnis gefoltert worden ist und ihr nie davon erzählt hat. Dabei, so die Jury, dringe das auffallend sprechtauglich geschriebene Stück in tiefere Bewusstseinsschichten vor und entwickele «ein Spektrum an Möglichkeiten, auf dünnem Eis zu balancieren und dabei Schritt für Schritt ein Stück Leichtigkeit zurückzuerobern». Nun liegt es an den Theatern, Zarees Stück diesen Weg aus der Komfortzone und dann zurück in die Leichtigkeit gehen zu lassen.


Theater heute Juni 2017
Rubrik: Festivals, Seite 48
von Andreas Jüttner