Am Nullpunkt der Verständigung

Die dritten Basler Dokumentartage fragen erstmal nach der Wirklichkeit

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Am Anfang war die Fehlbeleuchtung. Ein fahriges Flackern, ein irrendes Licht. Helle Flecken, die dem konturlosen Dunkel der Weltbühne abgerungen scheinen, sich bei aller Zufälligkeit doch ordnen und damit so etwas wie den Beginn einer Zeitrechnung markieren. Den Beginn einer Geschichte allemal, in der das nordfranzösisch-belgische Duo Halory Goerger und Antoine Defoort eine ganze Weile ohne gesprochenen Text auskommen. Am Anfang war jedenfalls nicht das Wort.

«Germinal», so heißt das Stück, ist der perfekte Auftakt für ein entdeckungsfreudiges Nischenfestival wie die Basler Dokumentartage, während denen Fiktion und Kreation nach Herzenslust auf die Wirklichkeit prallen dürfen. Apropos wirklich. Den gelehrten Prolog zum Festivalstart bestritt Dirk Baecker, prominenter Kulturtheoretiker und Wahlbasler. Sein Vortrag umzirkelte die philosophisch hinterhältige Frage: «Was ist nochmals Wirklichkeit?», war gar nicht wortkarg, sondern ermunterte beredt dazu, anstatt die Wirklichkeit mit dem Sein zu verwechseln lieber die Menschen bei ihrer sozialen Blasenbildung zu beobachten. Dann bekomme man immerhin eine Ahnung von der Vielzahl der parallelen Wirklichkeiten, gesetzt den Fall, der ...

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Theater heute Juni 2017
Rubrik: Magazin, Seite 67
von Stephan Reuter

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