Kleine Wunder
Digitales Theater ist genau genommen kein Theater. Es ist ein seltsamer Hybrid, eine Kreuzung aus Film und Theater, an dessen Erforschung und Entwicklung an allen Theatern Europas gerade fieberhaft gearbeitet wird. Mit offenem Ende. Dabei ist ein Paradox offensichtlich: Die Digitalisierung entfernt die zwei Haupt-Protagonist:innen des Theaters – also Bühne und Zuschauer – weit voneinander, um zum anderen eine neue Verbindung herzustellen. Die Körper begegnen einander nicht mehr im analogen Raum, doch die digitale Wegstrecke verbindet die Bühne direkt mit dem Wohnzimmer.
Die Wegstrecke wird so verkürzt, Zugänglichkeit erleichtert und Reichweite erzeugt. Dabei gelingt manchmal etwas Neues, Unerwartetes, Drittes, sowohl zwischen den beiden Protagonist:innen als auch in den Theaterbetrieben selbst.
Natürlich funktionieren Resonanz und Performativität durch die Umwandlung des analogen Theaters in digitale Signale nicht in gewohnter Weise. Und der Verlust bei der Übertragung einer Kultur der Körper ins Digitale schmerzt Theaterschaffende und Zuschauende gleichermaßen. Denn beide sind den lebendigen Theaterorganismus gewohnt und leiden unter dem Mangel sinnlich wahrnehmbarer Erfahrung ...
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Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Streaming, Seite 70
von Sonja Anders
Theater heute
Die Theaterzeitschrift im 62. Jahrgang
Gegründet von Erhard Friedrich und Henning Rischbieter
Herausgeber Der Theaterverlag – Friedrich Berlin
Redaktion
Eva Behrendt
Franz Wille (V.i.S.d.P.)
Redaktionsbüro
Martin Kraemer
Gestaltung
Christian Henjes
Designkonzept
Ludwig Wendt Art Direction
Redaktionsanschrift
Nestorstr. 8–9, 10709 Berlin,
Telefon...
Vor dem Fernseher sitzt eine Gestalt, die aussieht wie tot. – So beginnt die Regieanweisung der zweiten Szene. – Die Gestalt schaut sich eine uralte Vogelsendung an, in der dieselbe Szene ständig wiederholt wird: Exotische Vögel flattern auf. Neben der Gestalt sitzt «der Bruder». Er ahmt die gleiche tote Erscheinung seines Vaters nach. Die Mutter fegt den Fußboden....
Wie schreiben über Vorgänge, deren zeitliche Dimension nicht abzusehen ist? An dieser Frage reiben sich alle Theatertexte über das Anthropozän, wie immer sie auch strukturiert sein mögen. Das alte Brecht-Problem, dass die komplexen Transaktionen des Finanzkapitalismus nicht mit einer dramatischen Struktur abzubilden sind, erscheint hier ungleich vervielfältigt...
