Kiel: Medea Margaret
«Willst du manchmal etwas kaputt machen?», fragt John (Felix Zimmer). Und Cathy (Jessica Ohl) antwortet nicht, Cathy küsst John, mit aller Kraft, die sie in einen Kuss legen kann, als unterprivilegierte, aber aufstiegsorientierte Teenagermutter Ende der Siebziger in Nordengland. Cathy und John küssen sich, und dann machen sie alles kaputt. Er betrügt sie mit ihrer besten Freundin, sie erstickt ihr Baby und kommt als Kindsmörderin ins Gefängnis, er verliert jeden Halt. Absturz.
Simon Stephens hat mit «Blindlings» eine Überschreibung des «Medea»-Mythos als britisches Sozialdrama geschrieben. Cathy ist bei Ohl nicht nur eine betrogene und damit passive Liebende, sie ist auch eine vom Untergrund angezogene, selbstbewusste junge Frau, deren Weg in die Kriminalität von Johns Verhalten forciert sein mag – aber ganz ohne ist auch sie nicht. Geschickt verortet Stephens den antiken Mythos (das vergiftete Kleid für die Nebenbuhlerin! Das getötete Kind!) in einer konkreten historischen Situation: Stockport, am Südrand von Manchester, laut Friedrich Engels «eines der düstersten, rauchigsten Löcher in der ganzen Industrieregion» (und außerdem Stephens’ Geburtsstadt).
1979 – das Jahr, in dem in ...
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Theater heute März 2016
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Falk Schreiber
Wie ist es möglich, im Theater angesichts der drängenden ungelösten Probleme in der Welt noch künstlerische Freiheit zu behaupten? Ohne, so müsste man hinzusetzen, dass dies auf Freiheit von Realität und Verantwortung hinausläuft? Es steht die Befürchtung im Raum, dass politisches und soziales Engagement das Theater dümmer und schwächer machen, als es ist. Wenn...
Die Jugendstilbühne der Münchner Kammerspiele liegt in tiefem Nebel. Von goldgelbem Licht durchglühte Trockeneisschwaden dampfen aus der Nebelmaschine. Auch der Nieselregen vom Theaterhimmel sowie die federleichten Felsbrocken und Grasbüschel, die fünf hemdsärmelige Arbeiter in diesem hochwandigen Museumsmagazin bereits ausgiebig von vorne nach hinten geräumt...
Was Heiner Müllers «Horatier» gerade heute zum Terrorismus zu sagen hat
Der namenlose Kämpfer stößt dem verwundeten Gegner, der am Boden liegt und «mit schwindender Stimme» um Schonung bittet, «sein Schwert in den Hals, daß das Blut auf die Erde» fällt, er wirft sich das blutige Schlachtkleid des Getöteten über die Schulter, steckt sich dessen Waffe in den Gürtel...
