«Jede Geste zählt»

Was kann und muss ein künstlerisch ambitioniertes, zeitgenössisches, engagiertes und volksnahes Theater? Antworten von Tiago Rodrigues, dem Festival d’Avignon und eine These von Ariane Mnouchkine

Theater heute - Logo

Siamo tutti antifascisti!» Der Jubel war groß am Abend des 7. Juli, als klar war: Das rechtspopulistische Rassemblement National hat die Parlamentswahlen in Frankreich wider Erwarten nicht gewonnen. In Avignon tanzten die Menschen vor dem Rathaus, applaudierten, skandierten Antifa-Parolen – die Erleichterung explodierte. Die Auftaktwoche des Theaterfestivals lag genau zwischen dem ersten und dem zweiten Wahlgang. Eine Zeit der Unsicherheit und der Mobilisierung. Wie würden die «Législatives» ausgehen? Die kulturpolitischen Perspektiven des RN wären wenig verheißungsvoll.

«Wollt ihr Kunst oder Heimatschutz?», rief Angélica Liddell in der Eröffnungspremiere des Festivals provokativ in den 2000 Köpfe fassenden Zuschauerraum des Papstpalasts, und vor dem Hintergrund des reaktionären Kunstbegriffs der Le-Penisten klang es umso alarmierender. Was diese für unterstützenswert erachten – nämlich außer Denkmalpflege und Folklore nicht viel, schon gar nichts Zeitgenössisches –, konnten sie in einigen Kommunen bereits unter Beweis stellen.

In ihrer neusten Arbeit, «Dämon. El funeral de Bergman», instrumentalisiert Liddell Ingmar Bergmans akri -bische Pläne für sein eigenes Begräbnis und seine ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2024
Rubrik: Festivals, Seite 36
von Andreas Klaeui

Weitere Beiträge
Oblomow in Manhattan

Für ihren Bestseller «My Year of Rest and Relaxation» (2018) hat die amerikanische Schriftstellerin Ottessa Moshfegh eine Figur geschaffen, die es in Sachen Passivität mit dem berühmten russischen Romanhelden Oblomow aufnehmen kann. Wie dieser würde sich auch Moshfeghs namenlose Ich-Erzählerin am liebsten nur in ihrem Bett aufhalten. Die junge, attraktive,...

Außenbetrachtung der Innenbetrachtung

Die Entstehungsgeschichte beschreibt Thomas Köck zu Beginn so: »Eigentlich hatte ich B zugesagt, ein Jahr österreichischer Innenpolitik, also das eine Jahr vor den kommenden Nationalratswahlen, zu ‹begleiten› oder zu betrachten, eine Art fortlaufende, politische Bestandsaufnahme als Grundlage für einen Theaterabend, nicht mit dem Wunsch, eine knallharte Analyse zu...

Gefühle der Ohnmacht

Überall herrscht Mangel, ob in Kitas, Schulen oder Krankenhäusern. Und das in Deutschland, dem wirtschaftlich stärksten Land der Europäi -schen Union. Doch die großen Investitionen bleiben aus. Zu viele Staatsschulden. Noch mehr davon sind auf keinen Fall drin: Die Schuldenbremse muss schließlich eingehalten werden. Doch was wäre, wenn jede Person dieses Landes...