Im Schlachthaus
Einmal klebt der Biberkopf dem Franz auf dem Rücken wie ein Beatmungsgerät, als wolle er ihm Energie in den müden, schlappen Körper pumpen. Der Franz hat’s jetzt auch wirklich nötig: Aus dem Täter ist längst auch ein Opfer geworden, der dem kriminellen Sumpf, in dem er nach vier Jahren Gefängnis wieder gelandet ist, nicht entfleuchen kann. Der Großstadtmoloch Berlin spuckte ihn aus und schlürfte ihn wieder ein.
Dušan David Parízek hat sich in seiner zweistündigen Bühnenbearbeitung von Alfred Döblins «Berlin Alexanderplatz» am Stuttgarter Schauspiel die Hauptperson in zwei Charaktere geteilt: den Franz spielt der große, kräftige, schwere Rainer Galke, «seinen Biberkopf» die schlanke, agile Sylvana Krappatsch. Zwei in einem, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Galke gibt eher den «klassischen» Franz, etwas tumb, leidend und phlegmatisch, Krappatsch ein straßen -jungenhaft gewieftes und tätiges Pendant. Zwei von sehr vielen Menschen werden gezeigt, die gewalttätig, ohne soziale Erdung, politisch desorientiert die Gewaltstatistik der Weimarer Republik kräftig nach oben drückten.
Auch wenn die 1920er Jahre derzeit stofflich und thematisch an den Theatern geradezu boomen – vor allem ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute November 2024
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Verena Großkreutz
Vielleicht ist es der gelegentliche Schneesturm, der über die Bühne zieht, verwaschen, grau und sichtbar nasskalt. Vielleicht ist es das Akkor -deon, das manchmal eine Tango-Melodie anstimmt. Vielleicht ist es das einsame Bild des in die Jahre gekommenen Wohnwagens, der am hinteren Rand der Bühne steht. Und aus dem, neben Klarinettenklängen, jenes Akkordeon ertönt...
Siamo tutti antifascisti!» Der Jubel war groß am Abend des 7. Juli, als klar war: Das rechtspopulistische Rassemblement National hat die Parlamentswahlen in Frankreich wider Erwarten nicht gewonnen. In Avignon tanzten die Menschen vor dem Rathaus, applaudierten, skandierten Antifa-Parolen – die Erleichterung explodierte. Die Auftaktwoche des Theaterfestivals lag...
Da steht sie also, die große Oscar-Nominierte, deren Name nun Glamour und Gänsehaut verspricht, in gewaltig wallender Blondperücke. Obwohl diese Worte nicht zu Sandra Hüller passen, die ihren internationalen Ruhm doch durch ihre zurückgenommen-durchsichtige, eher anti-starhafte Schauspielkunst erlangt hat. Gerade hat sie eine Tänzerin wie ein Kind auf die Bühne der...
