«Ich nehme meine Figuren todernst»

Die Schauspielerin Anne Rietmeijer gibt am Schauspielhaus Bochum schwierig gewordenen Frauenrollen des Kanons einen neuen Twist – und schreibt sich auch schon mal selbst einen neuen Schluss

Theater heute - Logo

Wenn es nicht mehr deprimierender geht, falsche Entscheidungen, Abschiedsschmerz, Tod, das volle verfluchte «Alkestis»-Programm, dann entsteht plötzlich auf der Bühne ein violett glitzernder Energie-Wirbelwind: Anne Rietmeijers Alkestis tanzt und tanzt, in den Lebensminuten, bevor sie für ihren Mann Admetos in den Tod gehen wird.

Was soll sie auch tun, wenn als Begleitmusik zum mythenschweren Heldinnen-Tod plötzlich Vicky Leandros’ «Ich liebe das Leben» aus den Lautsprechern scheppert?

Zwei, drei tastende Tanzschritte, eine kleine Drehung – und dann kein Halten mehr: Sie wirft die Arme und Beine wie ein Teenager auf MDMA, springt, strahlt, läuft im Boogie-Style auf der Stelle, immer in Blickkontakt mit ihren Kindern (Ann Göbel, Dominik Dos-Reis). Sie tanzt ausgelassen für sie und mit ihnen und erfindet pathetische Ausdruckstanz-Moves: «Nein, weine nicht um mich …» bekommt ein komisch theatralisches Kopfschütteln, «… das geht vorüber …» eine ausholende Wegwerfgeste, und das finale «... sicherlich!» fixiert sie in Elvis-Pose mit den Zeigefingern in der Luft. Ihr zuzusehen tut weh und gut und rührt zu Tränen.

Das Lied sei für sie ein Schlüssel gewesen, erzählt Anne Rietmeijer im ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2024
Rubrik: Akteure, Seite 32
von Cornelia Fiedler

Weitere Beiträge
Bloody Mess

Wo soll das hin? Wo gehöre ich hin? Zu welcher Stimme? Zu welchem Satz? «Is the microphone on?» Jeder, jede will heutzutage gehört werden. Mit was eigentlich? In «Signal to Noise» knabbert Forced Entertainment an dieser Verbindung von Signal und Geräusch, Sagen und Bedeuten, zerknickt und schreddert sie.

Forced Entertainment, kurz FE, fing 1984 an und wurde berühmt...

Der terroristische Zuschauer

Theaterkritik gone mad: Mitten in der Vorstellung steht ein eher junger Mann auf und beginnt, sich erst zu beschweren, dann mit den drei Darsteller:innen auf der Bühne zu diskutieren. Über das damit natürlich unterbrochene Stück, das ihn nicht hinreichend unterhält. Darüber, dass der Weg für ihn weit war, dass er sich den Abend extra frei nehmen musste, er sei...

Form und Zertrümmerung

Das Wesen des Theaters besteht in der Vergröberung der Effekte, also muss man diese Effekte eben noch stärker vergröbern, sie unterstreichen, sie auf die Spitze treiben.» (Ionesco 1958) An diese Bestimmung des Theaters hat sich Johan Simons – sonst eigentlich nicht der Mann fürs Grobe – gehalten, nicht an das Verfahren der Uraufführung von Ionescos «Die kahle...