Form und Zertrümmerung

Johan Simons holt Eugène Ionescos «Die kahle Sängerin» im Schauspielhaus Bochum aus der Versenkung

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Das Wesen des Theaters besteht in der Vergröberung der Effekte, also muss man diese Effekte eben noch stärker vergröbern, sie unterstreichen, sie auf die Spitze treiben.» (Ionesco 1958) An diese Bestimmung des Theaters hat sich Johan Simons – sonst eigentlich nicht der Mann fürs Grobe – gehalten, nicht an das Verfahren der Uraufführung von Ionescos «Die kahle Sängerin» 1950, als versucht wurde, die Wirkung dadurch zu erreichen, dass man das Stück todernst wie Ibsen spielte.

Die Verspottung der Salonkomödie ist heute wirkungslos, ebenso wie die Satire auf die Sinnlosigkeit des Lebens. An die transzendentale Obdachlosigkeit des Menschen, die der Existenzialismus bejammerte, hat man sich gewöhnt. Die metaphysischen Phantomschmerzen sind verschwunden. Wir haben heute dafür andere Schmerzen. Von denen will Simons’ Inszenierung nichts wissen.

Ionesco wollte die Absurdität der menschlichen Existenz, auf einen Sinn des Lebens angewiesen zu sein, ohne ihn je finden zu können, auf die Form des Theaters übertragen, nicht nur auf den Inhalt wie in Sartres Theaterstücken. Diese Formzertrümmerung macht Ionescos Erstling heute noch spielbar, nicht irgendein Inhalt. Neue Formate will die ...

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Theater heute Juni 2024
Rubrik: Aufführungen, Seite 26
von Gerhard Preußer

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