Höchststrafe Depression
Schon klar, wenn man sich als Jury gerade auf Johan Simons’ Bochumer «Hamlet»-Inszenierung beim Theatertreffen geeinigt hat, müsste man schwer rechtfertigen, Simons «Iwanow» aus Bochum auch noch einzuladen. Und doch fehlt dieser grandiose Abend, der die Zuschauer reihenweise zum Weinen bringt, in der Zehner-Auswahl 2020.
Johan Simons – und sein Hauptdarsteller Jens Harzer – nehmen uns mit in den Kopf einer psychischen Erkrankung und lassen doch verstehen, warum Iwanow zugleich reihenweise Frauenherzen bricht: Die innere Leere des Depressiven ist mit allen Arten von Wunschprojektionen zu füllen. Die Frauen wollen ein Geheimnis ergründen, das es nicht gibt.
Minutenlang herrscht zunächst auch auf der Bühne Stille. Jens Harzer sitzt mit strubbeligen Haaren zusammengesunken auf einem Stuhl und liest, inmitten eines goldenen Zimmergerüsts. Johannes Schütz hat ein Haus gebaut, dass das Gegenteil von Behausung ist, die toten Äste vor der Tür zeigen, dass die Natur auch keine Hilfe ist. Wir sehen die Welt aus Iwanows Augen, sie ist eine Zumutung. Alles ist ihm entrückt, und Harzer spielt diese abgründige Einsamkeit herzzerreißend. Jeder menschliche Kontakt ist ihm zuwider, und trotzdem ...
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Theater heute Mai 2020
Rubrik: Was fehlt?, Seite 18
von Dorothea Marcus
Guten Morgen, ihr Arschlöcher!», brüllt Vandam über den Plattenbau. Hart, aber herzlich geht es zu in der Prager Vorstadt, wo Vandam und Psycho tagsüber einen Hilfsjob auf dem Bau absolvieren und sich abends in Luckas Kneipe die Kante geben. Aggro-Typen, aber mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Obwohl, das mit dem Herz ist so eine Sache: Vandam behauptet, 1989...
Zwei Tage war das Virus, das 14 Tage später das (Theater-)Leben zum Erliegen brachte, schon in Deutschland unterwegs, als am 29. Februar am Hamburger Thalia Theater Yael Ronens «(R)Evolution» zur Uraufführung kam. Der Abend, inspiriert von den Gedankenspielen zu den disruptiven Einschnitten am Ende des Anthropozäns von Ronens israelischem Landsmann Yuval Noah...
hallo/hört uns jemand?/kann uns jemand», «ist wer/ist wer da?», «wir .../ – /wir sehn wir spürn nicht ob da wer» (…) «sind wir/sind wir allein?/da draußen»: Zu Beginn von Ewald Palmetshofers «Die Verlorenen» (Stückabdruck TH 12/19) reden verschiedene Stimmen, allesamt «eine*r» genannt, in die Dunkelheit des Zuschauerraums. So will es der Autor im Text, so...
