Plastisches Denken
Am Ende ist es eine runde Sache. Buchstäblich. Wieder und wieder zieht der wie Prometheus angekettete Faust mit langen Hörnern auf dem Kopf sisyphosgleich im Kreis durch die Metallarena mit zwei gigantischen Kreuzen – eins stehend, eins liegend. Auf dem hohen Kreuz thront ein blütenweißer Engel mit riesigen Flügeln, während auf dem anderen Mephisto in weißer Maske und schwarzem Engelskostüm Platz genommen hat.
Wie ein Raubvogel, der auf das Ensembletreiben unter sich blickt, begierig zuzuschlagen im Moment der Schwäche, um eines dieser Menschlein, die hier auf dieser Mad-Max-Arenabühne oder Arche, den Weg zum Seelenheil diskutieren. Er selbst spricht in einem dunklen Pathos, das an Rammstein erinnert, doch spricht er nur selten. Unter ihm ein Wimmelbild der menschlichen Existenzen: Da gibt es den rhetorischen Anführer mit dem silberbehängten Hirtenstab, eine Jesusfigur, die reihenweise Füße wäscht und später zum Maschinengewehr greift, einen weisen und zweifelnden Schriftgelehrten, eine wundertätige Frau, die nach 40-täger Fastenzeit nach Salz und Brot ruft. Sie wandeln umher in Kostümen, die an einen Sandalenfilm erinnern, ihre Worte ein Kreiseln um (christliche) Religion, ...
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Theater heute Mai 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 46
von Torben Ibs
Karin Cerny Wie sind Sie bei Florentina Holzinger gelandet?
Lucifire Ich habe mit der Performerin Veronica Thompson, die sich in «Tanz» an den Haaren hochziehen lässt, früher in einem Zirkus gearbeitet. Sie meinte, Florentina würde Frauen suchen, die Erfahrungen mit Body Suspension haben, sich also auf Haken in ihrem Fleisch aufhängen lassen wollen. Ich hatte...
An diesem Freitag hätten die Menschen die Züge noch überfüllen können, wie sie es jeden Freitag tun. Ich sollte nach Göttingen zur Uraufführung eines neuen Stücks mit dem interessanten Titel «Bombe!» reisen. Eingestellt hatte ich mich auf den üblichen Andrang im ICE, es gab aber Platz im Überfluss. Kein Problem, mindestens eineinhalb Meter Sicherheitsabstand zu...
Die Zeit ist aus den Fugen. Wir hätten nie gedacht, dass unsere Städte und Länder den Shutdown erleben, dass Theater schließen, Opern nicht mehr spielen, Tänzer nicht mehr tanzen; jedenfalls nicht mehr öffentlich auf der Bühne, sondern bestenfalls im Streaming.
Menschenleben stehen «zur Disposition», wenn nicht mehr allen gleichermaßen geholfen werden kann. Wie...
