Herrschaft und Verhängnis

Umdeutungen im Schauspiel Bochum. Robert Borgmann zerlegt Bulgakows «Meister und Margarita», Johan Simons zeigt «Ödipus, Herrscher» als Sprechdenkstück, und Oliver Frljic gerät über J.M. Coetzees «Schande» in Ensemblenöte

Das letzte Abendmahl ist ärmlich, die Nachthemden sind knöchellang, die Bärte falsch, Choräle klingen schief, und der Teufel sitzt auch mit am Tisch. Das kann nur ein religiöses Laientheater werden. Die Souffleuse kommt als schlüsselschwingende Krankenschwester auf die Bühne. Im Irrenhaus sind wir also, wie bei Peter Weiss’ «Marat/Sade». Robert Borgmanns Bochumer Inszenierung von Bulgakows «Meister und Marga -rita» beginnt mit dem Roman im Roman: Pontius Pilatus ist der Held des Meister-Romans. Die Verwirrung ist groß und amüsant am Anfang dieses Abends.

Und kurz wird es auch noch spannend: Pontius Pilatus (Steven Scharf) will Judas umbringen lassen, um dem Hohepriester Kaiphas eins auszuwischen, weil der Judas bestochen hat. Den Mordplan erklärt Pontius seinem Geheimdienstchef (Pierre Bokma) mit lässiger Raffinesse: Er solle Judas schützen. Der Mann fürs Grobe versteht sofort. Und wir merken: Bulgakow kannte sich aus in den Methoden Stalins: Ein Lob konnte ein Mordauftrag sein.

Borgmann nennt seinen Abend nicht nach dem Roman Bulgakows, sondern «Passion I und II». Die paar eingestreuten Choräle und Arien aus Bachs «Matthäuspassion», die da ohrzermürbend gekrächzt und gefistelt ...

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Theater heute Dezember 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 16
von Gerhard Preußer

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