40 Jahre Systemfragen
«Was interessiert mich Kohle?», heult Orgon leise verzweifelnd und wälzt sich voll Selbstmitleid auf dem Boden.
Den Hausherrn in Molières «Tartuffe» hat es in Soeren Voimas Nachdichtung der unverwüstlichen Betrügerkomödie in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts verschlagen, und ökonomisch steht er anfangs da, wo man in der guten alten sozialen Marktwirtschaft als halbreicher Erbe damals eben so stand: Das heruntergewirtschaftete Gründerzeitmietshaus zwar als Eigentumshintergrund, aber die Freund:innen wohnten mietfrei, das Konto war leer, und man stand politisch in irgendeinem Fantasielinks zwischen K-Gruppe, Marxismus-Seminar und, nun ja, notgedrungen SPD.
Das monetäre Desinteresse wird sich bald ändern, denn ab da geht es im Schweinsgalopp durch die Zeiten. «Der Tartuffe oder Kapital und Ideologie» folgt streng der gleichnamigen Wirtschaftsanalyse des französischen Starökonomen und Bestsellerautors Thomas Piketty, der die Einkommens- und Vermögensverteilung seit der Französischen Revolution, vor allem aber seit dem Einsetzen der neoliberalen Wende durch Ronald Reagan oder Margaret Thatcher untersucht hat. Damit wäre der Hauptschurke im Stück auch schon benannt, denn ein ...
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Theater heute Dezember 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Franz Wille
Ein Zaubertrick zum Festivalauftakt: Performerin und Tänzerin Maija Karhunen liegt auf der Bühne zwischen kreisenden Lichtkegeln und fischt nach Objekten: Schal, Notizbuch, Feuerzeug – allesamt im Foyer vom eintrudelnden Besucher eingesammelt, der da schon ahnen konnte, in «Ajima» selbst noch eine Rolle zu spielen. Karhunen greift Gegenstände, findet die...
«Si ce texte était un texte de théâtre», «Wenn dies ein Theatertext wäre» – so beginnt Édouard Louis’ schmales Büchlein «Qui a tué mon père?» («Wer hat meinen Vater umgebracht?»). Es folgen eine Art Regieanweisung, Vorschläge für ein Bühnenbild – ein Weizenfeld, eine leerstehende Fabrik, eine Schulturnhalle, kurz: ein Raum, der großen Abstand ermöglicht zwischen...
Das letzte Abendmahl ist ärmlich, die Nachthemden sind knöchellang, die Bärte falsch, Choräle klingen schief, und der Teufel sitzt auch mit am Tisch. Das kann nur ein religiöses Laientheater werden. Die Souffleuse kommt als schlüsselschwingende Krankenschwester auf die Bühne. Im Irrenhaus sind wir also, wie bei Peter Weiss’ «Marat/Sade». Robert Borgmanns Bochumer...
