Gefangene der Geschichte
Das Stück, um das es hier gehen soll, ist noch nicht fertiggeschrieben, deshalb ist alles, was man darüber schreiben kann, im Ordner «Mutmaßungen» abzulegen. Erzählt werden aber kann von einer Idee, von der gleich zwei Theater extrem inspiriert sind. Im Frühjahr 1811, kurz vor dem Freitod des Dichters Heinrich von Kleist, erschien unter dem Titel «Die Verlobung» jene Erzählung, die später als «Die Verlobung in St. Domingo» berühmt werden sollte, in einer Zeitschrift mit dem schönen Namen «Der Freimüthige oder Berlinisches Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser».
Kleist, der glücklose preußische Streber, versucht dieser Vorgabe mit seiner Geschichte in nahezu jedem Punkt Rechnung zu tragen: «Gebildet» muss der Leser sein, um folgen zu können, wird er doch mitgerissen in eine komplexe politische Situation, deren Hintergrund Kleist, der Datenkomprimierer unter den Novellist*innen des frühen 19. Jahrhunderts, nur andeutet.
Die Erzählung spielt sich vor dem Hintergrund der Revolution auf Haiti ab (der Titel verweist auf den spanischen Namen der Insel). Von den Imperatoren in Europa als «Aufstand» bzw. als «Empörung auf Haiti» beschrieben, war die Eroberung der Insel durch ...
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Theater heute Jahrbuch 2018
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 177
von Ludwig Haugk
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