Frauenpower statt Räuberpathos
Vor drei Jahren marschierten Schillers «Räuber» noch als skandierender Männer-Bund, angeschirrt und gleichgetaktet von Ulrich Rasche, im Münchner Residenztheater über tonnenschwere Riesenlaufbänder (weshalb die Inszenierung beim Theatertreffen 2017 nur als Video-Aufzeichnung gezeigt werden konnte) und erzeugten dabei mit geballtem Gruppenpathos einen aufwühlend abstoßenden Sog.
Um Gemeinschaftsgefühle geht’s auch bei Leonie Böhm, aber grundlegend anders gepolt, wenn sie an den Münchner Kammerspielen mit einem rein weiblichen Cast und Team «Die Räuberinnen» in einer kollektiven Stückentwicklung, sehr frei aus Schillerschen Gedankengängen heraus zu einem unverblümt weiblichen (Self-)Empowerment umformuliert. Schillers zwischen Trotz und Revolte, idealistischer Anarchie und infamem Terror schlingerndes Familienpsychodrama gibt da erstaunlich viel her, wenn man sich die Sache mal ganz unverkrampft, aber mit durchaus ernsthaftem eigenen Anliegen anschaut.
«Das gewohnte Denken vom Geist aus verändern, das wäre doch Kunst», stellt Gro Swantje Kohlhof zu Beginn salopp in Aussicht, nachdem sie zusammen mit ihren Mitspielerinnen, Sophie Krauss, Eva Löbau, Julia Riedler und der ...
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Theater heute Mai 2020
Rubrik: Was fehlt?, Seite 19
von Silvia Stammen
Den ganzen Tag lang überschlugen sich die Ereignisse. Schulen, Universitäten, Museen, Grenzen, alle geschlossen. Messen, Kongresse, Konzerthallen und Theater hatten sich vorher schon dem Druck der Corona-Pandemie gebeugt. Alle Theater? Nicht ganz. Ein mittleres Haus im südbadischen Freiburg hörte nicht auf, dem Virus Widerstand zu leisten.
Es ging ja noch um «Der...
Schon klar, wenn man sich als Jury gerade auf Johan Simons’ Bochumer «Hamlet»-Inszenierung beim Theatertreffen geeinigt hat, müsste man schwer rechtfertigen, Simons «Iwanow» aus Bochum auch noch einzuladen. Und doch fehlt dieser grandiose Abend, der die Zuschauer reihenweise zum Weinen bringt, in der Zehner-Auswahl 2020. Johan Simons – und sein Hauptdarsteller Jens...
Am Ende ist es eine runde Sache. Buchstäblich. Wieder und wieder zieht der wie Prometheus angekettete Faust mit langen Hörnern auf dem Kopf sisyphosgleich im Kreis durch die Metallarena mit zwei gigantischen Kreuzen – eins stehend, eins liegend. Auf dem hohen Kreuz thront ein blütenweißer Engel mit riesigen Flügeln, während auf dem anderen Mephisto in weißer Maske...
