Festival: Erfahrene Tresen­steher

Das Internationale Sommerfestival Hamburg zwischen Mainstream und Avantgarde

Theater heute - Logo

Ein Musical, ausgerechnet. Mit Andreas Doraus «König der Möwen» entwickelte sich das in der avancierten Theaterwelt vielgeschmähte Genre schon Wochen vor der Premiere zum Publikumsrenner beim Internationalen Sommerfestival im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel. Nicht etwa eine Parodie, sondern ein echtes Musical, mit schmissigen Songs von Elektropop-Urgestein Dorau, einer herzzerreißenden Story von Autor Gereon Klug und von Regisseur Patrick Wengenroth gewohnt trashig inszeniert.

 

Es gibt einen mehr oder weniger brav auserzählten Konflikt, es gibt Protagonisten, die nur die freundliche Kauzigkeit erfahrener Tresensteher vor dem Abgleiten zu Schießbudenfiguren rettet, und es gibt den schon im Titel angedeuteten Deus ex machina, der den Helden allerdings auch nicht mehr aus seiner Misere zu retten weiß. Ein echtes Musical, mit allem, was man an diesem Genre von Herzen verachten kann, und doch nicht irrelevant als Geschichte über Gentrifizierung, Stadtmarketing und ein totgelaufenes Popkulturselbstverständnis.

Dass der Abend ein Hit des Internationalen Sommerfestivals wurde, ist freilich ein Missverständnis. Weil nichts an «König der Möwen» international ist, im Gegenteil: Dorau, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2018
Rubrik: Magazin, Seite 74
von Falk Schreiber

Weitere Beiträge
Comic: Krrrr, schnief, grmpf

Auf den gut 150 Seiten von Mathieu Sapins Comic-Porträt «Gérard – Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu» trinkt der große französische Schauspieler mit russischem Pass (seit 2013) ausschließlich Wasser, selbst wenn um ihn herum die Party tobt. Nur einmal, auf einer Reise nach Moskau, greift er im Anwesen seines Freundes, des ehemaligen Militärarztes Sergej,...

Stilwille gegen Inhaltismus

Das Beste an der Ruhrtriennale sind die tollen Orte, an die man gelotst wird. Nach all den Jahren gilt das nicht mehr so sehr für die gewaltigen deindustrialisierten Kathedralen einstiger Metallgewinnung und -verarbeitung – man kennt das inzwischen –, sondern eher für die putzigen und rührenden, bizarren bis einschmeichelnden vermeintlichen Problemzonen, an denen...

Das Auftreten des Zimmermädchens

Eva Behrendt Reden wir über Ihr zweites Stück!

Clemens Setz Inzwischen gibt es schon das dritte. Es wird am Grazer Schauspielhaus gerade von der Schweizer Regisseurin Claudia Bossard wild umgeschrieben, ganz neu, völlig anders. 

EB Und das ist okay für Sie, auch bei der Uraufführung?

Setz Absolut. Tatsächlich scheint es diese Tradition zu geben, bei der...