Festival: Anarchische Subversion
Es ist eine eigentümliche Form der Schmerz-Kompensation, die die Kondratovs in Yury Mamleevs Erzählung «Der Bräutigam» betreiben: Das Ehepaar hat bei einem Autounfall seine siebenjährige Tochter Nadja verloren – und «adoptiert» zur Verlustbewältigung den Unfallverursacher, einen verhaltensgestörten Mann namens Wanja, der sich dann prompt und schamfrei in der Familie ausbreitet.
Die Musiktheater-Inszenierung «Prosa», die der Regisseur und Komponist Vladimir Rannev daraus gemacht hat, kann in puncto Außergewöhnlichkeit locker mit dieser Story mithalten: Das um Motive aus der Tschechow-Erzählung «Die Steppe» ergänzte Geschehen ereignet sich in einer komplex verspiegelten Bühnenbox, wo die Sängerinnen nicht nur an den physikalisch unmöglichsten Stellen auftauchen, sondern wo vor allem permanent ein Comic-Video der Künstlerin Marina Alexeeva läuft, in dem sich Sowjet-Optik, Pop Art, Zeichnungen im Kinderbuch-Krakel-Stil und hyperrealistische Werbeästhetik erhellend die Hand reichen.
Programmatischer als dieser produktiv überfordernde und im Sekundentakt Bedeutungsüberschüsse produzierende Overkill an Zeichen, Symbolen und Resonanzräumen vom Moskauer Elektroteatr Stanislawski hätte der ...
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Theater heute März 2020
Rubrik: Magazin, Seite 67
von Christine Wahl
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Die letzten zweieinhalb Wochen, länger als die gesamte Dauer des chinesischen Frühlingsfestes, habe ich bei meinen Eltern in Changzhou 180 km westlich von Shanghai verbracht. Kurz nachdem ich ankam, am 23. Januar, wurde aufgrund der Coronavirus-Pandemie die Quarantäne über Wuhan verhängt und angekündigt, dass landesweit keine Feierlichkeiten im öffentlichen Raum...
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