Festival: Anarchische Subversion
Es ist eine eigentümliche Form der Schmerz-Kompensation, die die Kondratovs in Yury Mamleevs Erzählung «Der Bräutigam» betreiben: Das Ehepaar hat bei einem Autounfall seine siebenjährige Tochter Nadja verloren – und «adoptiert» zur Verlustbewältigung den Unfallverursacher, einen verhaltensgestörten Mann namens Wanja, der sich dann prompt und schamfrei in der Familie ausbreitet.
Die Musiktheater-Inszenierung «Prosa», die der Regisseur und Komponist Vladimir Rannev daraus gemacht hat, kann in puncto Außergewöhnlichkeit locker mit dieser Story mithalten: Das um Motive aus der Tschechow-Erzählung «Die Steppe» ergänzte Geschehen ereignet sich in einer komplex verspiegelten Bühnenbox, wo die Sängerinnen nicht nur an den physikalisch unmöglichsten Stellen auftauchen, sondern wo vor allem permanent ein Comic-Video der Künstlerin Marina Alexeeva läuft, in dem sich Sowjet-Optik, Pop Art, Zeichnungen im Kinderbuch-Krakel-Stil und hyperrealistische Werbeästhetik erhellend die Hand reichen.
Programmatischer als dieser produktiv überfordernde und im Sekundentakt Bedeutungsüberschüsse produzierende Overkill an Zeichen, Symbolen und Resonanzräumen vom Moskauer Elektroteatr Stanislawski hätte der ...
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Theater heute März 2020
Rubrik: Magazin, Seite 67
von Christine Wahl
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Der Bochumer Iwanow ist die Sanftheit in Person. Ganz zu Anfang sitzt er still auf einem Stuhl, ein ungelesenes Buch in der Hand, fast eine Karteileiche im Club der toten Dichter. Jungenhaft trotz ergrauender Haare, feingliedrig, kein Arbeiter, sondern ein sensibler Grübler. Die gute, jedoch bewusst nachlässig gehandhabte Garderobe zeugt von einer Eitelkeit der...
