Familie und Gewalt

Eine Rede: die Uraufführung und Rezeption von «Baracke» am Deutschen Theater Berlin und einige Ideen zum nachpostdramatischen Theater (der vollständige Stückabdruck liegt diesem Heft bei) Von Rainald Goetz

Theater heute - Logo

Guten Abend, willkommen, der Herbst: Rentrée!, wir springen gleich rein, head on, ins Thema: Familie und Gewalt

I THEMA
BARACKE, Familie und Gewalt, das ist das zentrale Thema dieses Stücks, ganz simpel und klar. Es zieht mich immer hin zu großen, einfachen Themen, die etwas Banales, fast Archaisches haben, RAVE: das Feiern, IRRE: der Wahnsinn, ABFALL für alle: das Ich, JOHANN HOLTROP: Geld und Macht, und hier also BARACKE: Familie und Gewalt.

Es ist meine, mir seltsam selbstverständliche, Urintuition, daß diese beiden Dinge zusammengehören, Familie und Gewalt, obwohl ich natürlich weiß, daß andere bei Familie an ganz andere Dinge denken, aber an welche eigentlich genau, etwa an Glück? Nein: die Nähe der Körper, der geschlossene Raum, die Sexualität, der hohe Druck, die lange Dauer der Tage, der Jahre, nicht zuletzt auch die von den Genen mitbewirkte Übernähe der Charaktere: das ist das fundamental explosive Setting der Familie, das sich fast normalfallhaft in gewalttätigen Ausbrüchen entlädt.

So weit, so banal; das andere ist komplizierter. Es ist ein ungenaues, zugleich absurd evidentes Gefühl, das mich zu Beginn der Nullerjahre so massiv und unverstehbar beherrschte, daß ich ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2023
Rubrik: Das Stück, Seite 26
von Rainald Goetz

Weitere Beiträge
Ahnungen von Glück

Dass es Rieke Süßkow (nach ihrem Wiener Überraschungserfolg mit Peter Handkes «Zwiegespräch») nun auch in Nürnberg gelang, selbst einen Werner Schwab so umzukrempeln, dass man ihn beinahe nicht wiedererkennt, grenzt an ein Wunder. Die gallig ordinäre Wirtshausposse, in der sich ein paar durchgeknallte Stammgäste Beleidigungen und Geschlechtsorgane um die Ohren...

Über Leben

Sepp Bierbichler, einer der ganz großen schreibenden Schauspieler (ja, bisher waren das fast nur Männer, die ihre Biografie autofiktional in Bücher, oft Bestseller verwandelten), hat das der Kollegin Valery Tscheplanowa schon vor drei Jahren zugetraut. In einem Nachwort zum Gesprächsband «Backstage Tscheplanowa» schrieb er: «Wird sie sich endlich Zeit nehmen fürs...

Barbification oder Gestern macht Kasse

Der vergangene Sommer hatte den Farbcode Pantone 219. Nicht nur wegen des pinken Kampnagel-Sommerfestival-Logos, sondern vor allem wegen «Barbie»: Greta Gerwigs Kinotriumph in pink dominierten Plakatwänden und Kino-Spielplänen spülte eine Milliarde in die Kassen des Spielzeugherstellers Mattel und war der vorläufige Höhepunkt einer schönen neuen Filmwelt, in der...