Fallobst für Verliebte
Der Baum ragt mächtig in die Höhe. Er muss ein biblisches Alter haben. Um den Stamm schlängeln sich Luftwurzeln über den Boden, schenkeldick, fantastisch verknotet, voller Fußangeln. Muriel Gerstners Bühnenbild im Schauspielhaus Zürich ist wie für den Sündenfall geschaffen.
Gefühlsverwirrung, Geschlechterverwirrung, Identitätsverwirrung – das ist das Knäuel, aus dem Shakespeares «Wie es euch gefällt» gestrickt ist. Am Ende der Kreuz- und Queer-Exzesse auch noch vierfache Hochzeit. Ein Regisseur muss prüfen, was das Geschehen im Wald von Arden mit dem Garten Eden zu tun hat.
Und wie viel mit Romantik. Er kann seinem Publikum süßes Gift reichen oder schwarze Schokolade. Sebastian Nübling hat sich in Zürich für Edelbitter entschieden.
Der Apfel, die Versuchung. Beides wird gierig verschlungen in dieser Inszenierung. Schon Ludwig Boettgers alter Diener Adam versprüht mit Tutu und Blumenkranz auf der Glatze nicht den Eindruck, er wolle je von Frucht und Fleisch lassen. Seine Herren, Oliver und Orlando, springen sich ohne Verzug beim ersten Auftritt an die Gurgel. Kainsbrüder, klar doch.
Der Ältere, Milian Zerzawys Oliver, besitzt die kriminelle Energie. Orlando (Christian Baumbach) ...
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Theater heute Dezember 2012
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Stephan Reuter
Es war einmal ein Kind, das wollte endlich mal auch zu Wort kommen, d.h. es war eigentlich kein Kind, aber in Zeiten vor der großen Krise wurde so jemand Kind genannt. Man sagte ihm, es solle erst einmal wirklich zuhören lernen. «Kann ich doch!» entgegnete es seinen Eltern, die eigentlich nicht seine Eltern waren, sondern was anderes, aber die glaubten ihm ohnehin...
Mehr als drei Dutzend Stücke hat Lutz Hübner in den letzten 18 Jahren geschrieben, er war damit beim Theatertreffen (2005 mit «Hotel Paraiso») und bei den Mülheimer Theatertagen. Vor allem aber und anders als die Mehrzahl der in Mülheim Geehrten: Er wird nachgespielt, eine sichere Bank in der Mischkalkulation aus U und E, um die kein Theater heute mehr herumkommt....
Nein, «der Frank» habe damit nichts zu tun, meint Hendrik Arnst alias Jaroslaw Iljitsch alias typischer russischer Kleinbürger voll bauernschlauer Schlitzohrigkeit ganz zum Schluss. Der Frank sei ein alter Mann und sowieso seit drei Jahren in Bayreuth, wo die Opern-Welt im Sommer Castorfs «Ring» erwartet.
Ganz so unbeteiligt wird Frank Castorf an seiner jüngsten...
