Es muss im Leben mehr als alles geben
Robert Walser ist ein großer Wahlverwandter von Anne Lepper. Aus seiner Feder gibt es bekanntlich zahlreiche Prosastücke, die sich mit dem Theater beschäftigen. Aus seinem Text «Lüge auf die Bühne» möchte ich zitieren, um gleich zu Anfang etwas festzustellen:
«Wir leben jetzt in einer merkwürdigen Zeit, wiewohl vielleicht alle Zeiten irgend so etwas Zeitlich-Merkwürdiges jeweilen an sich gehabt haben.
Item, die unsrige scheint mir sehr, sehr merkwürdig, besonders dann, wenn ich so, wie ich es gerade jetzt tue, meinen Finger an die Nase lege, um darüber nachzudenken, was es eigentlich mit diesem Leben, das wir jetzt mit aller Macht in die Bühne hineinstopfen, für eine Bewandtnis hat. Wir füttern jetzt die Bühne mit Leben, daß sie wahrhaftig genug zu fressen hat. Der hinterste und verborgenste Dichter präsentiert dem Theater irgendwelches hinterste und verborgenste Stücklein Leben. Wenn das derart schwungvoll weitergeht, wird das Leben bald wie eine schwindsüchtige Kranke platt daliegen, ausgesogen und bis an die Rippen ausgepumpt, während das Theater so fett, behäbig und vollgestopft sein wird, ungefähr wie ein Ingenieur, der mit seinen patentierten Unternehmungen Glück gehabt hat ...
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Theater heute August/September 2017
Rubrik: Mülheimer Dramatikerpreis, Seite 40
von Jan Hein
Es ist so puuuh, so äääh, geradezu uaargh: ein Bruderkuss, feindliche Soldaten reichen sich die Hände, Liebe und Versöhnung zum Finale. Der Schluss von Maria Milisavljevics «Beben» lässt einen sprachlos zurück ob seiner unverschämten Naivität – und gerade damit gelingt der Autorin ein Volltreffer. Milisavljevic hat nicht etwa ein Feelgood-Movie für die Bühne...
In ihrer Zwickauer Nachbarschaft hieß Beate Zschäpe, die damals den Tarnnamen Susanne Dienelt trug, «die Diddlmaus». Ein treffender Spitzname, terrorisierte doch die gleichnamige Cartoonfigur in ihrer schrill-dumpfen Niedlichkeit in den 90er Jahren von zahllosen Gebrauchsgegenständen aus das Geschmacksempfinden. Extrem diddlmaushaft agiert auch die schon häufiger...
Vor nicht allzu langer Zeit missverstand ein Theatermacher Hamburg fatal als maritim geprägte Stadt. Friedrich Schirmer eröffnete seine Intendanz 2005 am Hamburger Schauspielhaus, indem er der Stadt eine eigenartige Hafenpoesie überstülpte: Er verpasste seinem Theater einen lächerlichen Delfin als Logo, ließ Igor Bauersima Homers «Odyssee» zu einem grauenhaften...
