Erodierende Realitätswahrnehmung
Elfriede Jelineks Stück «Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!» gleicht einem Flug durch den gewaltigen Nebel an Gerede, der sich im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie vor allem in den digitalen Medien ähnlich rasant verbreitet hat wie das Virus selbst. Bemerkenswert ist, wie Jelinek im lauten Streit «aufrichtiger Meinungen» ein Netz verdeckter Korrespondenzen entdeckt.
Welchen Standpunkt sie in ihrer ständig nomadisierenden Autorinnenschaft auch bezieht und gleich wieder verlässt: Blind und taub für das Gegenüber, aber auch für eigene Abgründe, gehen bei ihr letztendlich alle Ansprüche auf «Wahrheit» in einem freiwillig-unfreiwilligen Gelächter zu Bruch.
Besonders laut melden sich in dieser Kakofonie Anhänger:innen von Verschwörungsmythen zu Wort, die sich wütend gegen die vermeintliche «Corona-Diktatur» der «Mächtigen» wenden, Bill Gates als Strippenzieher anprangern, Handymasten anzünden, weil sie einen Zusammenhang mit der Verbreitung des Virus sehen, oder die Gefährlichkeit von Covid-19 herunterspielen. Der schnelle Reflex legt nahe, diese Positionen als Spinnereien abzutun. Doch die Penetranz, mit der Jelinek deren Vertreter:innen ihre vermeintlichen Feinde als die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Neue Stücke, Seite 145
von Rita Thiele
Andreas Klaeui Jean-Luc Lagarce ist in Frankreich Abiturlektüre, im deutschsprachigen Raum aber noch wenig bekannt; sein Stück «Einfach das Ende der Welt» kam 1990 heraus: Wie sind Sie auf diesen Stoff gekommen?
Christopher Rüping Es hat eine Vorgeschichte. «Früchte des Zorns», unsere erste gemeinsame Arbeit im neuen Team am Schauspielhaus, war eine Geschichte von...
Woran krankt die Welt, an was mangelt es ihr? Wie ist sie zu stillen, die Sehnsucht nach einem besseren, wirklichen Leben? Und ist es möglich, einfach von vorne zu beginnen, mit neuen Normen, einer neuen Sprache?
Es sind die großen Fragen, die Fiston Mwanza Mujila in seinem jüngsten Stück «Der Garten der Lüste» verhandelt, einem Auftragswerk für das Deutsche...
Gewerkschaftsarbeit, seien wir ehrlich, ist ein Wort, bei dessen staubigem Klang sich normalerweise Hustenreiz einstellt. So war es jedenfalls, bis Ende März Lisa Jopt in einem YouTube-Video sich und ihre «Modernisierungsagenda» den Mitgliedern der Genossenschaft deutscher Bühnenarbeiter:innen vorstellte: In vierzig sachlichen und doch unterhaltsamen Minuten...
