Elfriede Jelinek: SONNE / LUFT
I. SONNE, LOS JETZT!
Was ist das, was da durch den Raum jagt, das bin doch nicht ich! Schauen wir mal nach, darunter kräuselt sich die Flut, Berge gibt es auch, ja, alles unter mir, ich bin es. Die Sonne tönt nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang. Die Reise ist mir vorgeschrieben, obwohl ich an meiner Wanderung nicht schuld bin. Ich bin ein fixer Stern, bewegt sich da endlich was? Erde: Bewegung! Im Donnergang arbeite ich mich voran und werfe mit Flammen. Jeder Flammenwerfer schaut alt aus neben mir. Ich bin die Mutter, aus deren Hand ganze Länder den Tod empfangen.
Das ist die Aufgabe der Mutter, daß sie töten muß und getötet wird von der Tochter, die jemand andren für den Mord anstiftet, weil sie sich selbst nicht traut. Sie traut es sich nicht zu. Und der nächste in der Reihe, die da blöd an -gestellt steht, traut dann sich selbst nicht mehr, so geht die Kette der Gewalt. Beim schwächsten Glied reißt sie ab. Da fahren sie schon wieder mit ihren Wasserwagen herum, so zeigt sich ihr umweltliches Besorgen. Mit Wasser wollen sie es mir besorgen. Daß ich nicht lache! Doch Sie sehen: Alles dreht sich um mich und meine Werke. Und da machen sie Gebrauch von Schläuchen und ...
ELFRIEDE JELINEK, geboren 1946 in Mürzzuschlag, studierte noch als Schülerin Musik am Wiener Konservatorium und begann mit Anfang zwanzig zu schreiben. Einige ihrer Theaterstücke («Burgtheater») und Romane («Die Klavierspielerin») lösten Skandale aus; Jelinek galt in ihrer Heimat immer wieder als «Nestbeschmutzerin». 2004 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur. Seit Jahren sind ihre Stücke regelmäßig beim Berliner Theatertreffen und bei den Mülheimer Stücken zu Gast; zuletzt war bei beiden Festivals 2018 «Am Königsweg» in Falk Richters Inszenierung des Jahres am Deutschen Schauspielhaus Hamburg eingeladen und 2019 «Schnee Weiß», 2021 «Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!» in Mülheim.
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Theater heute Februar 2023
Rubrik: Das Stück, Seite 101
von Elfriede Jelinek
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