Einstürzende Relevanz-Ordnungen
Es muss eine desillusionierende Erfahrung gewesen sein für die sieben Wichtigkeitsbeauftragten der deutschen Theaterkritik, als sie auf der Suche nach den bemerkenswertesten Inszenierungen auf die Probleme des schieren Überlebens stießen. Der Theatertreffen-Juror Bernd Noack hat im Maiheft dieser Zeitschrift beschrieben, wie er auf dem Weg in die Mittel- bis Hochkultur der Wiener Theater am Westbahnhof auf Polizei-Hundertschaften traf, hinter ihnen abgesperrte Bahnsteige, auf denen Flüchtlinge aus Syrien warteten.
«Sie haben Rucksäcke und Taschen, und man wundert sich, wie wenig ein Mensch auf eine Reise mitnimmt, die in ein anderes Leben führt.» Oder wie es war, am 13. November 2015 aus einer «Clavigo»-Vorstellung zu kommen und im Hotelfernseher die Anschläge in Paris zu sehen: «Da kam einem das Theater nicht nur rat- und machtlos, es kam einem nurmehr lächerlich und nebensächlich vor.»
Die sieben wackeren Kritiker waren nicht die Einzigen, die erleben mussten, wie sich solide Wertigkeiten innerhalb von Tagen oder Wochen in Nichts auflösen. Als sich die ehemalige Volkspartei SPD plötzlich mit Umfrageergebnissen im Splittergruppenbereich konfrontiert sah, suchte sie hektisch nach ...
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Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Grenzen der Wichtigkeit, Seite 132
von Franz Wille
Die erste Entscheidung war die schwierigste: einem Stück den Titel «Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1&2» zu geben. Als die Uraufführung näherrückte, kamen Anrufe von Journalisten, auch aus dem Ausland. «Rechnen Sie mit einem Skandal?» – «Nö.» – «Aber das wird doch sicher Wellen schlagen, gibt es schon Gegenwind?» Antwort: «Nö.»
CNN hatte sich zum Filmen angemeldet,...
Am 1. Mai 2014 starb Margot durch begleiteten Freitod in Basel. Wir, das Theaterkollektiv Markus & Markus, begleiteten sie bis zuletzt und standen auch dort mit unserer Kamera neben ihr, die uns wenige Wochen zuvor in ihrer Heimatstadt all ihren Bekannten als ihre Enkel vorgestellt hatte – und die sich soeben suizidiert hatte. Die Polizei traf ein, und es dauerte...
Ursprünglich wollte Toshiki Okada Filme machen. Doch nach einer ersten erfolgreichen Theaterregie-Erfahrung mit befreundeten Studierenden gründete er 1997 die Theaterkompanie chelfitsch (Babysprache für das englische «selfish» – also selbstsüchtig, egoistisch). Seitdem schreibt er in seiner Doppelfunktion als Autor- und Regisseur-in-Residence für chelfitsch und...
