Dresden: Überschießender Idealismus
Peter Holtz verfügt über eine seltene (Un-)Fähigkeit. Und zwar eine, die besonders in diktatorischen Systemen von unschätzbarem Vorteil ist: Er zeigt sich komplett immun gegen die hohle Parteiprosa, mit der die Nomenklatura ihre fragwürdige Ordnung zu legitimieren pflegt. Diesem höchst außergewöhnlichen Kind der DDR fehlt nämlich schlicht das Gen zur Phrasenerkennung.
Peter nimmt alles wörtlich – und qualifiziert sich damit nicht nur für seine weniger realsozialismusbegeisterten Mitmenschen zur Nervensäge par excellence, sondern logisch-ironischerweise auch und gerade für die Systemträger. Ein Anwerbungsversuch der Staatssicherheit macht den «Jugendfreund» derart stolz, dass er sofort allen begeistert davon erzählt. Dekonspiration aus idealistischer Systemtreue: Da muss selbst das MfS passen.
Ingo Schulze hat mit seinem Romanhelden Peter Holtz, der dank Friederike Hellers Bühnenadaption fürs Kleine Haus des Staatsschauspiels Dresden jetzt auch auf dem Theater angekommen ist, also eine ostdeutsche Schweijk-Figur geschaffen und begleitet sie von ihrer DDR-Waisenhauskindheit der 1970er Jahre bis in die Wendezeit hinein. Dabei weist der sozialistische Gemeinschaftssinn, so Schulzes ...
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Theater heute Mai 2020
Rubrik: Chronik, Seite 51
von Christine Wahl
Eine «Tanz-Rap-Oper» hatte die Hamburger Choreografin Jessica Nupen geplant. «The Nose» nach Gogols «Die Nase»: rund 40 Beteiligte, eine eigene Komposition des kanadischen HipHop-Querdenkers Socalled, aufgeführt in der riesigen Halle K6 im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel. Eine Koproduktion von Kampnagel, Cape Town Opera und Staatstheater Wiesbaden, gefördert...
Zwei Tage war das Virus, das 14 Tage später das (Theater-)Leben zum Erliegen brachte, schon in Deutschland unterwegs, als am 29. Februar am Hamburger Thalia Theater Yael Ronens «(R)Evolution» zur Uraufführung kam. Der Abend, inspiriert von den Gedankenspielen zu den disruptiven Einschnitten am Ende des Anthropozäns von Ronens israelischem Landsmann Yuval Noah...
Den ganzen Tag lang überschlugen sich die Ereignisse. Schulen, Universitäten, Museen, Grenzen, alle geschlossen. Messen, Kongresse, Konzerthallen und Theater hatten sich vorher schon dem Druck der Corona-Pandemie gebeugt. Alle Theater? Nicht ganz. Ein mittleres Haus im südbadischen Freiburg hörte nicht auf, dem Virus Widerstand zu leisten.
Es ging ja noch um «Der...
