Die Kraft der Schwere
Sarah Calörtscher hat es mit einer gründlich desillusionierten Menschheit zu tun. Im «Herz aus Polyester» kämfen die Erdlinge mit zwei unschönen Problemen: Ihr Planet wird nachhaltig unbewohnbar, und es grassiert eine Seuche, die bei den Betroffenen für langsame Plastifizierung sorgt. Es beginnt in den Fingerspitzen, die zunehmend taub werden, bis die armen Plastifikanten durch und durch erstarren und nur noch kleine Ölspuren hinter sich her ziehen.
Verständlich, dass mensch zum Mars auswandern möchte, erste Elite-Kolonien bestehen dort bereits, und für die rettende Auswahl der passenden Kandidaten sorgt ein ziemlich autoritär schnarrender Algorithmus.
Aber Erdling bleibt Erdling. In Calörtschers allegorischem SciFi-Drama sorgen die drei im Auswahlverfahren erst für ungute Binnenkonkurrenz und später werden sie die einzige Chance auf ihr Glück vergeben. Der an sich seelenlose Algorithmus verliebt sich nämlich unvermutet in seine Menschen und produziert einen «Muskel der Hoffnung», das titelgebende Herz aus Polyester. Allerdings nur mit dem ernüchternden Ergebnis, dass sich die drei Menschlein drum streiten und es zerfleischen. Mit von der Partie sind außerdem noch zwei ...
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Theater heute November 2024
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Franz Wille
Einmal klebt der Biberkopf dem Franz auf dem Rücken wie ein Beatmungsgerät, als wolle er ihm Energie in den müden, schlappen Körper pumpen. Der Franz hat’s jetzt auch wirklich nötig: Aus dem Täter ist längst auch ein Opfer geworden, der dem kriminellen Sumpf, in dem er nach vier Jahren Gefängnis wieder gelandet ist, nicht entfleuchen kann. Der Großstadtmoloch...
Neue Stoffe für die Bühne, mal was anderes als die Klassiker, bei denen sich da über die Jahrzehnte und -hunderte zu viel weltbildlicher Staub auf dem Kanon-Rücken angesammelt hat. Na, dann macht mal, muss sich Volkstheater-Intendant Christian Stückl gedacht haben, lässt er die Spielzeit doch von zwei Regisseurinnen mit frischen Stoffen eröffnen: Yorgos Lanthimos’...
Manchmal wünscht man es sich heimlich – einfach mal Komplexität reduzieren, einfach mal einfach denken: ja / nein, schwarz / weiß, scharf / mild (doch da fängt es schon an mit der Unschärferelation des Wortsinns: scharf / stumpf, scharf / verschwommen sind natürlich auch denkbare Kontrastpaare, die allesamt im neuen Stück von Nele Stuhler vorkommen). Alles auf...
