Die Grundfragen der Spezies

Das «Stück des Jahres» ist Elfriede Jelineks «Schnee Weiß», dicht gefolgt von PeterLichts «Tartuffe»-Überschreibung und Ferdinand Schmalz’ «der tempelherr». Alle drei kümmern sich intensiv um die distinktionsbemühte, kulturell ambitionierte Mittelklasse

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Behaupte noch jemand, die Gegenwartsdramatik stelle nicht die Fundamentalfragen der Spezies! In «Tartuffe oder das Schwein der Weisen», der Molière-Variation des Pop-Künstlers PeterLicht am Theater Basel, philosophieren hypertrendige Zeitgenossinnen und Zeitgenossen wie «die Perni», «die Elmi» oder «der Orgi» abendfüllend über nichts anderes als das existenzielle Grundproblem schlechthin; nämlich, ob es eine «Geilheit gibt im Ungeilen».

So lässt sich der Singularitätsimperativ, den der Sozio­loge Andreas Reckwitz der (spätmodernen) Gesellschaft attestiert, schließlich auch fassen: Tartuffe, also «der Tüffi», hat sich vom Inbegriff religiöser Moralheuchelei längst zum offen ersatzreligiösen «Geilisierungs»-Fetisch gemausert; zum Must-have für den entscheidenden Distinktionsschritt aus dem allgegenwärtigen Mittelmaß! 

Überhaupt liefern die führenden Theatertexte der Saison die Dramen zum gesellschaftstheoretisch verbrieften Status quo; und zwar, aus gegebenem Anlass, gern in Form der Farce. Ausgehend von eben jenem Distinktionswillen der (ja auch im Bühnen-Business reichlich vertretenen) kulturellen Klasse, erstreckt sich die dramatische Agenda über mehr oder weniger parabolische ...

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Theater heute Jahrbuch 2019
Rubrik: Höhepunkte des Jahres, Seite 134
von Christine Wahl

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