Die äußere und die innere Bedrohung

Abschiedsinszenierungen am Schauspielhaus Bochum: Zum Ende seiner Intendanz inszeniert Anselm Weber Arthur Miller, Roger Vontobel Bernard-Marie Koltès

Das Andere, das Fremde – natürlich: Sie. Jana Schulz ist Alboury, Bernard-Marie Koltès’ «Schwarzer». Sie dominiert, aufgeladen mit allem Möglichen des Unmöglichen, Offenen, Rätselhaften, aus dem Hintergrund die Szene. Wenn sie hervorkommt aus dem Dunkel des kahlen Gestrüpps aus Schläuchen und Kabeln, die Schlingpflanzen gleichen, und unters Licht der acht Scheinwerfer-Bäume tritt, ist es so, als täte sie alles zum ersten Mal und doch seit jeher.

Nur Lallen und Stammeln ist von ihrem Alboury zunächst zu hören, begleitet von einem motorenhaften Rattern und nach Moll hin vibrierenden Cello (der Musiker Matthias Herrmann). Alboury wirft sich zu Boden und bestäubt sich mehlig weiß: Blackfacing verkehrt herum. Der «Schwarze», der eine androgyn knabenhafte Weiße ist, pudert sich hell. 

Zwei kaputte Typen sitzen derweil auf der schäbig kargen, von einem Ventilator durchwehten vorderen Bühne (Fabian Wendling) ungerührt daneben, breitbeinig hingefläzt Horn, hibbelig Cal – und trinken scharfes Zeug aus dem Minikühlschrank, wie es europäische Kolonialherren eben tun in heißen Ländern.

Alboury wagt sich aufs feindliche Terrain («einer lebenden Ziege in der Höhle des Löwen soll man nicht ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 21
von Andreas Wilink

Weitere Beiträge
Puppen am Rand des Nerven­zusammenbruchs

Auf dem Büchertisch im Erlanger Theater lag es: das gelbe Reclam-Heftchen mit Heinrich von Kleists berühmtem Aufsatz «Über das Marionettentheater». Darin ist zu lesen von den heftigen Zweifeln des Dichters: Puppen- und Figurentheater hält er für etwas «Zusammengezimmertes», das «den Pöbel durch kleine dramatische Burlesken, Gesang und Tanz» belustigt, für «etwas...

Wenn Kunst zu viel Arbeit macht

Unter Tage wird geschuftet. Nähma­schi­nen rattern, Zuschneideapparate kreischen, Ventilatoren surren, und aus dem fensterlosen Lagerhintergrund dringen diffuse Dröhn- und Stampfgeräusche. Neonröhren und vergitterte Fernsehbildschirme, über die der tschechische Trickfilm «Der kleine Maulwurf» flackert, spenden fahles Licht, zwischen Tischen und Raumteilern,...

Wien: Blinde Flecken

Mai 1945. Mit der Kapitulation Hitlerdeutschlands ist auch für den faschistischen kroatischen Ustascha-Staat der Krieg verloren. Um der Rache der Tito-Partisanen zu entgehen, flüchten die kroatischen Soldaten, begleitet von ihren Familien und anderen Zivilisten, nach Norden, bis über die slowenisch-österreichische Grenze, wo sie sich den britischen Besatzern...